Wäre es im Juni 1998 zu einer Volksentscheidung über die "Auffang"-Initiative von SPS und Gewerkschaften zum Rentenalter gekommen, hätten 59 Prozent "bestimmt" oder "eher" dafür gestimmt, und wären 26 Prozent "bestimmt" oder "eher" dagegen gewesen. 16 Prozent der damals teilnahmewilligen StimmbürgerInnen machten keine Angabe zu ihrer Stimmabsicht.
Die Ergebnisse einer Repräsentativ-Befragung bei 712 resp. 718 (Juni) StimmbürgerInnen, welche das GfS-Forschungsinstitut im Juni bzw. April durchgeführt hat, verweisen zunächst wie bei allen sozialpolitischen Themen auf unterschiedliche Meinungen in den politischen Lagern. Auf der linken Seite wird die Volksinitiative stark befürwortet, während sie das rechte Lager ablehnt. Namentlich in der parteipolitischen Mitte und bei den Ungebundenen ergab sich vor dem Abstimmungskampf eine recht hohe Unterstützung.
Bei der "Auffang"-Initiative zeigen sich zudem Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Vor der Kampagne ist eine Mehrheit der Frauen für die Initiative, während es bei den Männern eine grössere Zurückhaltung gibt resp. die Opposition schon stärker sichtbar wird.
Die Meinungsbildung befand sich zum Befragungszeitpunkt noch in den Anfängen. Erst 33 Prozent der Stimmberechtigten hatten schon vor der Befragung von der "Auffang"-Initiative etwas gehört. Im Juni stieg der Anteil auf 35% an.
Bestimmt für die Initiative waren im Juni sind 46 Prozent der StimmbürgerInnen (April: 41%). Weitere 13 Prozent (April: 14%) tendieren zu einem "Ja" (unverändert). Auf der Nein-Seite sind 13 Prozent überzeugtermassen dagegen und neigen 13 Prozent (unverändert) auf ins ablehnende Lager. Die Verschiebungen haben einen Grund: Zwischen beiden Befragungen kündigte der Bundesrat die 11. AHV-Revision an, die 2 Elemente beinhalten soll: Die Flexibilisierung des Rentenalters mit den Grenzen 62 bis 65 für Männer und Frauen. Auch die aktuellen Ergebnisse dürften nicht mit einer Prognose zum Abstimmungsausgang verwechselt werden. Sie stellen den Ist-Zustand vor Beginn der Kampagnen-Aktivitäten beider Seiten dar. Unsere Erfahrung lehrt, dass während des Abstimmungskampfes zu Initiative zuerst der Nein-Anteil steigt, dann aber auch ein Meinungswandel vor allem bei jenen möglich ist, die nur zu einem "Ja" nur neigen, ohne überzeugt zu sein.
Für die Initiative spricht eine Überzeugung der Bevölkerung, die stark geteilt wird: 63 Prozent der StimmbürgerInnen sind 'voll einverstanden' damit, dass es in Anbetracht der (Jugend-)Arbeitslosigkeit sinnlos sei, Erwerbstätige länger arbeiten zu lassen. Speziell Personen, die eine eigene Arbeitslosigkeit befürchten, sind in dieser Hinsicht sensibilisiert.
| Beurteilung von Argumenten zur "Auffang"-Initiative | |||||
| Argumentationsweise zugunsten der Initiative | voll einverstanden | eher einverstanden | weder/noch | eher nicht einverstanden | überhaupt nicht einverstanden |
| Angesichts der heutigen Jugendarbeitslosigkeit ist es falsch, ältere Leute noch länger zum Arbeiten zu zwingen. | 63 | 17 | 6 | 10 | 6 |
| Die AHV ist das wichtigste Sozialwerk, das der Sparwut der bürgerlichen Politiker nicht geopfert werden darf. | 59 | 23 | 7 | 9 | 2 |
| Frauen und Männer sollten das gleiche Rentenalter haben, egal bei welcher Alterslimite. | 59 | 21 | 3 | 9 | 8 |
| Die Erhöhung des Rentenalters für Frauen löst die langfristigen Finanzierungsprobleme der AHV nicht. | 52 | 24 | 6 | 5 | 7 |
| Die Finanzierung der AHV ist sicher. | 9 | 25 | 6 | 43 | 16 |
| Das Rentenalter sollte für alle auf 65 Jahre erhöht werden | 9 | 11 | 3 | 21 | 56 |
Gegen die "Auffang"-Initiative können zwei generelle Bedenken in der Rentenaltersfrage vorgebracht werden: 59 Prozent halten die Finanzierung der AHV für eher unsicher. Immerhin sind 82 Prozent der Meinung, der AHV-Bereich sei nicht der richtige, um im Sozialbereich mit Sparen zu beginnen. 4 von 5 Befragten sind auch der Ansicht, dass Frauen und Männer - egal wo - heute das gleiche Rentenalter haben sollten. 76 Prozent relativieren dies, indem sie der Meinung sind, eine Erhöhung des Rentenalters löse indessen das Problem der AHV-Finanzierung nicht.
Die Meinungsbildung in diesem Themenbereich ist angesichts der hohen Zustimmung zu den Sichtweisen beider Seiten noch nicht stark entwickelt. Weitgehend einhellig ist dagegen die Ablehnung eines einheitlichen und starren Rentenalters bei 65 Jahren für beide Geschlechter durch die Schweizer Bevölkerung.