![]() | Claude Longchamp, |
11 Prozent der befragten Jugendlichen sehen sich selber als 'politisch sehr interessiert'. Weitere 38 Prozent stufen sich als 'eher interessiert' ein, wenn es um politische Dinge geht. Damit zeigt praktisch genau die Hälfte der heutigen Jugendlichen in der Schweiz nach eigenem Urteil ein Interesse am politischen Geschehen. Die andere Hälfte verteilt sich in fast identischen Proportionen auf die Kategorien 'eher nicht interessiert' (38%) bzw. 'überhaupt nicht interessiert' (12%). Nur 1 Prozent der Befragten situiert sich in dieser Frage nicht.
Die Analyse des politischen Interesses nach ausgewählten Merkmalsgruppen zeigt zunächst einen Einfluss der Schulbildung. Einfach gesagt gilt: Je höher die (letztbesuchte) Schulstufe ist, desto stärker entwickelt sich ein politisches Interesse bei Jugendlichen. So sind die BesucherInnen oder AbgängerInnen mindestens einer Maturitätsschule zu 67 Prozent an Politik interessiert. Vor allem bei tieferer Schulbildung, etwa bei BesucherInnen oder AbgängerInnen einzig der obligatorischen Schulen, beträgt der Vergleichswert gerade 31 Prozent. Eine Mehrheit ist hier eher oder überhaupt nicht interessiert.
Das politische Interesse von jugendlichen Männern und Frauen ist ebenfalls ungleich. Es sind vor allem die jugendlichen Männer, die mehrheitlich ein politisches Interesse bekunden (55%). Bei den jugendlichen Frauen ist der Anteil mit 43 Prozent einiges geringer.
Politisches Interesse entwickelt sich schliesslich mit dem Alter. Dies gilt auch für die Jugendlichen. So ist der jüngere Teil der befragten Jugendlichen zu 45 Prozent an Politik interessiert, der ältere Teil hingegen schon zu 53 Prozent.
Mit dem letzten Befund stimmt überein, dass im Vergleich zur gesamten Bevölkerung das politische Interesse der befragten Jugendlichen insgesamt geringer ist. Eine fast gleichzeitig realisierte Repräsentativ-Befragung unseres Instituts bei einem Querschnitt der Stimm- und Wahlberechtigten ergab für die deutschsprachige Schweiz
Damit ist das Interesse an Politik in der gesamten stimmberechtigten Bevölkerung der deutschsprachigen Schweiz um 10 Prozent verbreiteter als bei den ausgewählten Jugendlichen.
Zur Präzisierung dessen, was unter Politik verstanden wird, legten wir in der Jugend-Studie den Befragten neun Tätigkeiten vor, die hinsichtlich des politischen Gehalts bewertet werden mussten.
Am stärksten mit Politik in Verbindung gebracht werden von Jugendlichen zunächst spezifische jugendpolitische Engagements. Dies drückt sich in den Antworten zum Einsatz für Anliegen junger Menschen bei den Erwachsenen aus, das in drei von vier Fällen als 'politische Tätigkeit' eingestuft wird. Aber auch die Mitarbeit in einer SchülerInnen- oder StudentInnen-Organisation wird von gut drei auf fünf der befragten Jugendlichen als politische Tätigkeit angesehen.
Ähnlich einheitlich bewertet wird ausserhalb dieser beiden eher spezifischen Tätigkeiten nur das Schaffen von Toleranz für AussenseiterInnen. 71 Prozent der Jugendlichen gehen auch in diesem Fall von einer primär politischen Tätigkeit aus.
Umstrittener ist die Beurteilung des politischen Gehalts von Tätigkeiten wie
Hier schwanken die Anteile, welche darin eine politische Tat sehen, zwischen 35 und 52 Prozent. Für eine Mehrheit handelt es sich demnach nicht unbedingt um politisches Handeln. Dabei nimmt die politische Bewertung zu, je politischer die jungen Menschen überhaupt sind.
Weitgehend als unpolitische Tätigkeiten gelten im Urteil der heutigen Jugendlichen Besprechung von Alltagsproblemen mit Freunden oder Freundinnen bzw. die Teilnahme an einer Techno-Party. Sie werden grossmehrheitlich als nicht-politischer Ausdruck mit bzw. für Mitmenschen verstanden. Nur eine kleine Minderheit von 6 bis 18 Prozent der befragten Jugendlichen erachtet jeweils auch dies als politische Tätigkeit.
Die Jugendlichen haben damit ein Verständnis von Politik, das einerseits auf sie selber bezogen ist, anderseits bei massiven Problemen ansetzt, die sie im Alltag erleben und als ungerecht empfinden. Toleranz in der Differenz könnte das Motto lauten, das am besten das politische Verständnis der heutigen Jugendlichen ausdrückt. Dem gegenüber stellen sie deutlich die Techno-Parties. Diese verstehen sie nicht nur als individuelle Ausdrucksmöglichkeit, sondern als gesellschaftliche Veranstaltung. Eine direkt politische Bedeutung oder Botschaft wird indessen nicht damit in Verbindung gebracht.
Eine überwiegende Mehrheit der heutigen Jugendlichen hat ein Gefühl des Versagens, wenn sie an die Politik von Regierung und Parlament denken. Für 30 Prozent der Befragten versagt die Politik der Behörden 'oft'. Sechs von zehn Jugendlichen haben wenigstens manchmal diesen Eindruck. Nur bei einer verschwindend kleinen Minderheit besteht kein Gefühl des Politikversagens.
Der Vergleich zur gesamten (stimmberechtigten) Bevölkerung zeigt ähnliche Proportionen. Die aktuellste Messung ergibt in der deutschsprachigen Schweiz
Mit anderen Worten: Wenn die Verhältnisse insgesamt nicht anders sind, so ist doch bei den heutigen Jugendlichen im Vergleich zur gesamten Bevölkerung nicht zwingend der Eindruck eines verstärkten Versagens vorhanden. Einerseits gibt es Entwicklung von Enttäuschungen bei verschiedensten Gruppen der Erwachsenen. Anderseits geschieht Politisierung von Jugendlichen aus strukturellen Gründen zwar in einer distanzierten, heute aber nicht mehr unbedingt in einer oppositionellen Haltung.
Eine Erklärung hierfür ergibt sich effektiv auch in unserer Studie mit dem Alter. Die jungen Jugendlichen in unserer Stichprobe haben noch weniger häufig ein Gefühl des Versagens. Dies nimmt indessen schon bei den 18- bis 22jährigen zu. Der Prozess setzt sich in der Folge erfahrungsgemäss fort und wird erst in höherem Alter wieder ausgeglichen.
Die Entwicklung von politischem Interesse und negativen Gefühlen verläuft bei den Jugendlichen weitgehend parallel: Je stärker das Interesse ausgeprägt vorhanden ist, desto eher besteht heute auch ein Gefühl des Versagens. Dieser enge Zusammenhang ist eher jugendspezifisch. Je älter die politisch Interessierten Leute werden bzw. sind, desto eher entwickeln sie auch eher ein positives Verständnis von der Arbeit der Behörden.
Dass beide Variablen dennoch nicht identisch sind, zeigt der Vergleich mit den Geschlechtern. Die jugendlichen Frauen erweisen sich insgesamt etwas weniger an Politik interessiert; sie haben in verstärktem Masse ein Gefühl des Versagens. 36 Prozent der befragten jugendlichen Frauen geben an, oft ein Versagen der Behörden-Politik zu konstatieren. Bei den jugendlichen Männern beträgt der Vergleichswert gerade 29 Prozent. Damit zeigt sich in den 90er Jahren eher bei den jüngeren Frauen ein Hang zur distanzierten Politisierung. Stärker als die jüngeren Männer gilt bei ihnen, dass sie der Politik mit einer negativen Grundstimmung begegnen.
Die Begründungen für das Politikversagen sind vielfältig. Es lässt sich kein einheitlicher Trend ermitteln. Vielmehr ergibt die Analyse der offen gestellten Frage gleich mehrere Dimensionen. Im Wesentlichen handelt es sich um die folgenden Ansatzbereiche:
Für rund 30 Prozent war eine der zurückliegenden Entscheidungen massgeblich. Sie haben seither das Gefühl des Versagens. Am meisten genannt werden dabei das Verhältnis zu AusländerInnen oder zum Ausland, die Drogenpolitik bzw. ganz aktuell auch die Atomtests im Pazifik. Zum Teil werden aber auch Konflikte mit der Polizei oder anderen Vertretern der Gesellschaft erwähnt, die ausserhalb institutionalisierter Entscheidungen verliefen. Schliesslich sind auch Abstimmungen als solche ein Grund für die Enttäuschung, was mit der grösseren Zahl von Niederlagen erklärt werden kann, welche Jugendliche erleben.
Begründungen für das Politikversagen | |
| Allgemeine Begründungen | 6 |
| Kompetenz | 6 |
| Stil | 6 |
| - Streit in der Politik | 4 |
| - Streit am TV | 2 |
| - zu wenig Überzeugung | 1 |
| Entfremdung | 11 |
| - Worte statt Taten | 3 |
| - Distanz Politik/Volk | 3 |
| - falsche Prioritäten | 2 |
| - falsche Machtverteilung | 1 |
| - Leerlauf | 1 |
| Misstrauen | 14 |
| - Wortbrüche | 2 |
| - Entscheide werden übergangen | 2 |
| - Egoismus PolitikerInnen | 2 |
| Abstimmungen allgemeine | 5 |
| Einzelne Themen | 24 |
| - Verhältnis zu Ausland | 6 |
| - Drogenpolitik | 3 |
| - Verhältnis zu AusländerInnen | 3 |
| - Atomtest | 3 |
| - Bahn 2000 | 2 |
| - Tempo 80 | 2 |
| - Sparen allgemein | 1 |
| bestimmte Konflikte | 2 |
| Anderes überhaupt | 4 |
| keine | 30 |
Ein Viertel der Jugendlichen, welche das Gefühl des Politikversagens kennen, zeigen noch klarere Merkmale der Verabschiedung vom politischen System an sich. Für sie ist dieses fremd oder aber sie stehen ihm gänzlich misstrauisch gegenüber. In diesem Zusammenhang konkret erwähnt werden vor allem die Diskrepanz zwischen Taten und Worten, zwischen PolitikerInnen und Bevölkerung, der Wortbruch oder aber der Leerlauf in der Politik an sich.
Ein Siebtel schliesslich stösst sich mehr an den PolitikerInnen, ihrer (In)Kompetenz und dem Stil, mit dem sie auftreten. In der letzten Kategorie überwiegt die Ablehnung wegen des Streitens in der Öffentlichkeit gegenüber dem Gefühl des mangelnden Engagements.
Eine ausführliche Zusammenstellung exemplarischer Antworten ergibt sich auch aus der Protokoll-Liste zur offen gestellten Frage, welche sich im Anhang befindet.
Direkt angesprochen auf konkrete politische Probleme, die es heute zu bewältigen gäbe, machen rund zwei Drittel der befragten Jugendlichen wenigstens eine konkrete Angabe auf eine offen gestellte Frage.
An der Spitze der gegenwärtig wahrgenommenen politischen Probleme stehen für Jugendliche ökologische Fragen. Dies hat einen dauerhafteren Grund, gilt doch seit den 80er Jahren gerade Probleme im Umweltbereich als politisch formierend für den Eintritt neuer Generationen angesehen. Umgekehrt zeigt sich gerade während der Befragung ein aktueller Grund mit dem Protest der Schweizerischen Fussballnationalmannschaft zu den Atomtesten Frankreichs ("Stop it Chirac").
Am zweithäufigsten wird unser Verhältnis zu AusländerInnen und Flüchtlingen als politisch problematisch bezeichnet. An dritter Stelle folgen Probleme mit der Drogenpolitik. Danach kommt als viertes die wirtschaftliche Lage bzw. Entwicklung, insbesondere Frage der Arbeitslosigkeit respektive als fünftes die europäische Integrationspolitik. Alle anderen Bereiche erreichen Nennhäufigkeiten von 10 und weniger Prozent.
Ein Vergleich mit den prioritären Themen der Gesamtheit der Stimmberechtigten zeigt bei dieser Gruppe die folgende Top-Liste (mit abnehmenden Prioritäten):
Auf den ersten fünf Positionen folgen damit im Wesentlichen die gleichen Themenbereiche. Allerdings ist die Reihenfolge unterschiedlich. Fragen der Wirtschaftsentwicklung, der sozialen Sicherheit und auch der europäischen Integration haben in der gesamten Bevölkerung der deutschsprachigen Schweiz einen noch höheren Stellenwert. Dafür rangiert bei den Jugendlichen die Umwelt, AusländerInnen- und Drogenfrage weiter vorne.
Politische Forderungen, die bei den heutigen Jugendlichen besonders gut ankommen, kreisen um den Kampf gegen den Rassismus und Gewalt im Alltag, die Dritte Welt oder die Gleichstellung von Frauen und Männern. Unabhängig davon, ob sie als prioritäre Problembereiche an sich erachtet werden oder nicht, unterstützen Jugendliche politische Forderungen in hohem Masse, wenn sie ein Element der Gerechtigkeit beinhalten.
Beim Einkommen zeigt sich der erwartete Zusammenhang. Je höher das Einkommen ist, desto geringer fällt die Zustimmungsbereitschaft aus. Bei einem Haushaltseinkommen von 3'000 bis 5'000 Franken wollen heute 60 Prozent für das Begehren stimmen. Umgekehrt wächst die Ablehnungsbereitschaft mit zunehmendem Einkommen. Am höchsten ist die Ablehnung bei Einkommen über 9'000 Franken. Hier macht sie 45 Prozent aus.
Selbstredend ist im Übrigen die Unterstützung von Forderungen gross, welche den Jugendlichen einen Vorteil bringen. Besonders deutlich zum Ausdruck kommt dies bei der Verbilligung des öffentlichen Verkehrs für SchülerInnen, Lehrlinge und StudentInnen. Ähnlich unterstütz werden aber auch Forderungen wie die Schaffung von Freiräumen oder generell von Foren, in denen Jugendliche ihre Anliegen überhaupt einbringen können.
Schon etwas mehr umstritten, aber von einer Mehrheit unterstützt wird die Erweiterung der legalen Abgabe von Drogen. Wird nur auf jene abgestellt, die voll einverstanden sind ("Überzeugte"), ist die Unterstützung für autofreie Sonntage einerseits, einen EU-Beitritt anderseits nicht mehr gesichert mehrheitlich.
Aus unserem Forderungskatalog geht damit hervor, dass sich die heutigen Jugendlichen für verschiedenste Fragen Interessen bzw. Positionen unterstützen, die einen prinzipiellen Aspekt wie jener der Gerechtigkeit beinhalten, oder aber klar als jugendpolitische Forderungen angesehen werden können. Schon umstrittener sind dagegen Sachfragen, vor allem im Bereich von Drogen, Ökomassnahmen und auch der Integrationspolitik.
Die Jugendlichen definieren sich zu 37 Prozent ausdrücklich links der Mitte, zu 35 Prozent in der Mitte und zu 16 Prozent rechts davon. Damit sind die Proportionen zwischen Links und Rechts mehr als 2 zu 1.
Besonders deutlich werden die Unterschiede im Vergleich zur gesamten stimmberechtigten Bevölkerung. Die neueste Messung hierzu in der deutschsprachigen Schweiz ergibt rund 50 Prozent, die sich explizit in der Mitte plazieren. 19 Prozent sehen sich ausdrücklich rechts hiervon, 20 Prozent umgekehrt links des Zentrums. 11 Prozent können oder wollen sich nicht einordnen.
Der Vergleich legt es offen: Jugendliche können sich im Koordinaten-System von Links und Rechts recht gut einordnen. Die Distanz, welche insbesondere in den 80er Jahren aufgrund des Wertewandels sichtbar wurde, besteht kaum mehr. Sie positionieren sich heute in gleichem Masse schon wie die Gesamtbevölkerung. Mehr noch: Sie zeigen eine grössere Bereitschaft, sich auch ausserhalb der Mitte einzuordnen; sie bevorzugen eher eine Position links davon.
Schliesslich sei darauf verwiesen, dass es einen Unterschied macht, ob Frauen oder Männer befragt werden. Bei den Frauen sind 53 Prozent sicher oder eher dafür, ein Viertel ist unentschieden, und 22 Prozent sind eher oder bestimmt dagegen. Bei den Männern herrscht mehr Skepsis. 38 Prozent würden hier und heute mit Nein votieren, und es wären 46 Prozent dafür. Geringer ist auch der Anteil unentschiedener Männer. Er beträgt 16 Prozent.
Die Engagementbereitschaft von Jugendlichen nach Themen folgt in starkem Masse dem, was bei den politischen Problemen festgehalten worden ist. Mit Ausnahme der Antwort "Jugendfragen", die insgesamt eine relativ höhere Engagementbereitschaft auslöst, ist die Rangfolge der Themen praktisch identisch. Jugendliche würden sich demnach am ehesten zu Fragen der Ökologie, der AusländerInnen oder Flüchtlinge bzw. zu Drogenfragen politisch engagieren. Alle anderen Themen folgen schon deutlich weiter zurückversetzt.
Die Nennhäufigkeiten sind allerdings deutlich kleiner als beim Problembewusstsein.
Die unterschiedliche Akzeptanz von Formen des politischen Engagements lässt sich besser analysieren, wenn diese direkt erfragt werden.
An der Spitze der Engagementbereitschaft stehen die institutionell verfassten und akzeptierten Formen der politischen Betätigung. Dabei ergibt sich eine Spitze eindeutig bei Sachfragen. Neun von zehn Jugendlichen zeigen sich hier beteiligungsbereit. Auch bei Wahlen ist eine überwiegende Zahl bereit, sich zu engagieren; der Wert liegt hier allerdings etwas tiefer als bei Abstimmungen. An dritter Stelle folgt mit 74 Prozent die Bereitschaft zum Unterschreiben von Bittschriften und ähnlichem.
In der Folge ergibt sich eine leichte Präferenz für Formen, die eher als konkrete Ausdrucksform verstanden werden können und eher ein individuelles, von Organisationen losgelöstes Engagement erlauben. Zum Ausdruck kommt dies in der relativ hohen Bereitschaft, für eine ganz bestimmte Aktion Geld zu spenden. Kaum in diese Prioritätensetzung fällt indessen das Schreiben von Leserbriefen. Diese Form scheint bei Jugendlichen nicht mehr so hoch im Kurs zu sein, wie es etwa bei älteren Menschen der Fall ist.
Die übrigen Formen rangieren stark nach dem Grad der Verpflichtung, die eingegangen wird. Streiken ist relativ gesehen am wenigsten akzeptiert; es folgen mit etwas stärkerer Akzeptanz der Boykott und dann die Demonstration.
Die Mitgliedschaft oder Mitarbeit in einer Interessen-Organisation, die sich für ein spezifisches Anliegen einsetzt (Greenpeace oder WWF als Beispiele erwähnt), ist als einzige Form mit klarer Organisation akzeptiert. Dies fällt vor allem auf, wenn der Vergleich zur Mitarbeit in einer Partei angestellt wird. Keine der getesteten Formen schnitt so schlecht ab, wie die Mitarbeit in einer politischen Partei. Diese Form wird gerade von 27 Prozent der Befragten als mögliche Form des politischen Engagements betrachtet.
Dem hauptsächlichen Fazit bei der Einordnung im Links/Rechts-Spektrum entspricht das Verhältnis zu den Parteien. Erfahrungsgemäss haben Jugendliche kaum eine fest etablierte Bindung an eine Partei; sie definieren sich stärker in einem weiteren Spektrum oder politischen Lager. Aufgrund ihrer prinzipiellen Selbsteinordnung erkennen sie indessen Parteien, die sie besonders ablehnen. Auch dadurch ist es möglich, sie politisch zu definieren.
Ein Test zur primären Negativassoziation bei den Parteien sieht jene deutlich an der Spitze, die eine klare Rechts-Position einnehmen und auch kundtun. In erster Linie erwähnt wird die Freiheitspartei, vormals Autopartei. Für 21 Prozent der befragten Jugendlichen ist diese politische Gruppierung der Inbegriff der Negativ-Assoziation. Auf den folgenden Plätzen rangieren die Schweizerische Volkspartei und die Schweizer Demokraten. Insgesamt entfallen fast drei Viertel aller aktiven Nennungen auf diesen Teil des politischen Spektrums.
Linke oder grüne Parteien werden insgesamt von 11 Prozent primär abgelehnt. Dabei überwiegt aus rechter Sicht die Ablehnung der Grünen stärker als jene der SozialdemokratInnen. Kaum provozierend wirken die CVP und die FDP. Andere werden fast überhaupt nicht erwähnt.
Parteien sind in der Schweiz an sich schwach. Schwächer noch sind allerdings meist die Jugendorganisationen der Parteien. Sie haben kaum eine Tradition in der Schweiz und treten auch nur vereinzelt in Erscheinung.
Von den befragten Jugendlichen werden die Jugendparteien auch kaum wahrgenommen. 8 respektive 7 Prozent haben von den Jusos, der Jungen FDP oder CVP in jüngster Zeit etwas wahrgenommen. Bei der Jungen SVP sind es 6 Prozent. Alle anderen Jungparteien scheinen selbst bei ihrer zentralen Zielgruppe noch weniger wahrgenommen zu werden.
Jugendliche (der deutschsprachigen Schweiz) lassen sich politisch ansprechen, wenn die Gerechtigkeit zwischen SchweizerInnen und AusländerInnen, zwischen reicher und armer Welt oder zwischen Männern und Frauen gefördert wird. Vor allem wenn prinzipielle Anliegen angesprochen werden, steigt die Chance, Jugendliche für politische Ideen, Ansichten oder Postulate zu gewinnen.
Probleme sehen sie vor allem bei Fragen der Ökologie, des Verhältnisses zu AusländerInnen und der Drogensucht. Zum Teil gehen die Meinungen aber deutlich auseinander. Nur eine knappe Mehrheit ist von der Erweiterung der kontrollierten Drogenabgabe überzeugt. Einschneidende Ökomassnahmen mit individuellen Konsequenzen finden nicht unbedingt mehr eine Mehrheit. Gross ist indessen das aktuelle Unverständnis über die Atomtests im Pazifik.
Die Jugendlichen der deutschsprachigen Schweiz können sich im Links/Rechts-Spektrum sehr wohl orientieren. Sie neigen im Vergleich zur Erwachsenen-Bevölkerung deutlich weniger dazu, sich neutral in der Mitte zu plazieren. Sie bekunden im Verhältnis von zwei zu eins eine Präferenz für linke Positionen.
Dennoch sind die Jugendlichen heute nicht zwingend oppositionell, noch sind Sie politisierter als die Erwachsenen. Vor allem die ganz jungen Menschen kennen auch im Vergleich zu den Gleichaltrigen in den 80er Jahren kein Kristallisationsereignis mehr, das sie wie die Waldsterbe-Debatte im eigentlichen Sinne generationenbildend mobilisierte. Die Jugendlichen, vor allem die jungen Männer, haben aber auch kein nachteilhafteres Bild mehr von der Politik als die Erwachsenen. Hierzu haben allerdings auch negative Verschiebungen bei diesen beigetragen. Diese Distanz ist mittlerweile überall recht stark geworden.
Jugendliche begründen ihre Skepsis gegenüber der Politik im Wesentlichen auf drei Arten: am wenigsten hart als Unverständnis über das Verhalten der PolitikerInnen, die ihnen inkompetent und zerstritten vorkommen; schon deutlicher als Enttäuschung über zurückliegende exemplarische Entscheidungen, denen sie mit Befremden begegnen und am ausgeprägtesten als Distanzierung gegenüber dem System, das sie als anomisch wahrnehmen oder unglaubwürdig ansehen.
Mit Blick auf ein politisches Engagement drücken sie dennoch eher eine Präferenz für die institutionelle Politik aus. Dabei steht das Abstimmen in Fragen, die sie direkt betreffen ganz an der Spitze. Auch sonst werden konkrete Formen des politischen Engagements bevorzugt. Dabei ist interessant festzustellen, dass das Geldspenden für Aktionen mittlerweile akzeptierter ist, als das Schreiben von LeserInnen-Briefen. Vor allem bei politischen Ausdrucksformen, die ein hartes öffentliches Engagement erfordern, zeigt sich aber eine stärkere Zurückhaltung.
Den Parteien stehen sie mit starker Distanz gegenüber. Nur etwa ein Viertel ist für ein Engagement in dieser Hinsicht bereit. Ein Grund liegt auch in der Wahrnehmung von Parteien. Die Jungparteien sind bei einer überwiegenden Mehrheit der Jugendlichen nicht existent. Was sie von den Parteien bemerken, stösst bei ihnen eher auf Ablehnung. Am deutlichsten wird dies bei der Negativ-Parteienbindung: Die Freiheitspartei speziell, pointiert rechts auftretende Parteien aber überhaupt, provozieren am stärksten den Widerspruch der Jugendlichen.
Ein wichtiger Grund liegt gerade in deren Alltagsverständnis der Politik. Angesichts der allgemeinen Verunsicherung ist dieses wieder deutlicher auf die Vorrechte der SchweizerInnen ausgerichtet. Jugendliche setzen gerade hierzu einen deutlichen Kontrapunkt: Sie sind sich der Unterschiede in der komplexer gewordenen Welt bewusst, akzeptieren diese auch vermehrt als die Erwachsenen und verlangen deshalb nach mehr Toleranz in der Differenz.