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2. Die Grundhaltung zur Gentechnologie
2.1. Die Entwicklung der allgemeinen Beurteilung
2.2. Trends beim Informationsstand
2.3. Trends in der Gefühlslage
3. Ausgewählte spezifische Haltungen zur Gentechnologie
3.1. "Generell verbieten" versus "kontrolliert anwenden"
3.2. Die Anwendung der Gentechnik nach Lebewesen
3.3. Die Akzeptanz des Forschungsplatzes Schweiz
3.4. Zum Zukunftsbild der Gentechnik
4. Bilanz: Ergebnis, Struktur und Dynamik des Meinungswandels zur Gentechnologie in der Schweiz
4.1. Zur Charakteristik der Gentechnik-Dispositionen Mitte 1998
4.2. Zu den Veränderungen in den Dispositionen 1996 bis 1998
4.3. Zu den Phasen der Meinungsbildung
Zu Beginn der breiteren öffentlichen Diskussion über die Gentechnologie in der Schweiz um die Jahreswende 1995/96 war die Meinung zu diesem Thema negativ. Gentechnologie wurde namentlich mit Verweis auf wenige, bekannte Anwendungen überwiegend abgelehnt. Auf den ersten Blick kontrastiert deshalb das Ergebnis der Volksabstimmung zur Gen-Schutz-Initiative. Nur 30 Monate nach Lancierung der Debatte lehnten am 7. Juni 1998 66.7 Prozent die Initiative ab, welche die Anwendung der Gentechnik in der Schweiz erheblich eingeschränkt hätte. 2
Spiegelt sich in diesem Sachverhalt der Unterschied zwischen der Minderheit der Stimmenden und der Gesamtheit der EinwohnerInnen der Schweiz? Oder hat zwischenzeitlich ein Meinungswandel im Verhältnis der StimmbürgerInnen zu Fragen der Gentechnologie stattgefunden? Diese Fragen stellen sich unweigerlich, wenn die beiden erwähnten Fakten als Ausgangspunkte unserer Analyse zum Verhältnis der Schweizer StimmbürgerInnen zur Gentechnologie genommen werden. Dabei geht es uns in diesem Beitrag weder um die Bestimmung struktureller Einflüsse auf Einstellungen 3, noch um deren Typisierung im interkulturellen Vergleich, wie sie das "Eurobarometer"-Programm anstrebt. 4 Vielmehr interessiert uns,
Basis des Berichts ist eine Serie von Befragungen, welche das GfS-Forschungsinstitut im Januar 1996 startete und bis unmittelbar vor der Volksabstimmung realisierte. Dabei wurden insgesamt 12'515 repräsentativ ausgewählte Personen über ihre Meinungen zur Gentechnologie, ihr Wissen und ihre Gefühle hierzu befragt. Erhoben wurden die Daten in periodischen Abständen, zuerst vierteljährlich und mittels "face-to-face"-Erhebungen, dann monatlich und via telefonischer Interviews. Im Prinzip wurde der Fragenkatalog konstant gehalten, allerdings auch dort ergänzt, wo sich die öffentliche Diskussion qualitativ erweitert hatte. Entstanden ist auf diesem Weg der umfassendste Monitor zur Beurteilung der Gentechnologie in der Schweiz, der es erlaubt, den Prozess der Meinungsbildung aufgrund methodisch vergleichbarer Querschnittserhebungen zu bestimmen. 5
Die nachstehende Analyse folgt dem Dispositionsansatz, den wir spezifisch für solche Untersuchungen entwickelt haben. 6 Entlehnt ist das Vorgehen der sozialwissenschaftlichen Attitüden-Forschung 7, wobei wir den Begriff der "Dispositionen" für Einstellungen mit einer Handlungsrelevanz verwenden. Wie Einstellungen definieren wir Dispositionen als bestimmbare Reaktionen von Individuen oder Gruppen auf konkrete Objekte, die sich in verschiedenen Bestandteilen wie den Objektvorstellungen (kognitive Komponente), Emotionen (affektive Komponente) und den Beurteilungen (konative Komponente) unterscheiden. Sofern sich die Dispositionen auf das Thema allgemein beziehen, sprechen wir von einer "Grundhaltung", währenddem der Begriff der "Haltungen" bei spezifischen Sachverhalten innerhalb des Gesamtthemas verwendet wird.
Das Dispositionskonzept ist für unser Thema insofern interessant, als sich Dispositionen aus der Gemengenlage von Vorahnungen, Wissensbestandteilen und konkreten Betroffenheiten - kurz Prädispositionen genannt - und den Einflüssen der öffentlichen resp. privaten Diskussionen zum Thema entwickeln. Vor allem bei neuen Themen dominieren dabei Prädispositionen, die aber häufig instabil sind und sich erst via Prozesse der Meinungsbildung zu Dispositionen verfestigen. Bei Themen, die schon länger oder mehrfach öffentlich verhandelt worden sind, ist dieses Veränderungspotential beschränkt. Bestehen bleibt es aber namentlich bei komplexen Themen. Ihre Mehrdimensionalität führt tendenziell zur Entstehung einer Vielzahl spezifischer Haltungen, die nur bedingt untereinander verbunden sind, weshalb die Reaktionen auf ein Thema je nach Aspekt, der behandelt wird, unterschiedlich ausfallen können. 8
Dispositionen bilden die Grundlagen von individuellen Entscheidungen bei Volksabstimmungen. Sie sind vor allem dann massgeblich, wenn es sich um wiederkehrende Abstimmungsfragen handelt, wie sie etwa in der Steuer- oder Verkehrspolitik typisch sind. In diesen Fällen können sie auch als eigentlichen Prädiktoren für das Abstimmungsverhalten gelten. Sind Dispositionen indessen nicht einheitlich oder nicht gefestigt, bilden sie nur eine Randbedingung der Abstimmungsentscheidung, wobei unter dem Einfluss der Kampagnenkommunikation zwei Wirkungen denkbar sind: Die Beeinflussung von abstimmungsrelevanten Begründungen durch die Dispositionen und die Rückkoppelung von spezifischen Meinungen zu einem Abstimmungsthema auf die Dispositionen. 9
Die erste Erhebung im Rahmen unserer Befragungsserie zeigte eine mehrheitlich negative Grundhaltung zur Gentechnologie. 62 Prozent waren "eher dagegen" eingestellt, während der Anteil Befürworterinnen genau einen Viertel umfasste; 13 Prozent äusserten zu diesem Zeitpunkt keine Meinung in die eine oder andere Richtung.
In der Folge baute sich der negative Anteil ab, wobei sich drei Phasen unterscheiden lassen:
im Mai 1998 - also nur wenige Wochen vor der Volksabstimmung über die Gen-Schutz-Initiative - zeigte der Gentechnik-Monitor erstmals umgekehrte Mehrheiten in der Grundhaltung. Eine relative Mehrheit von 39 Prozent war jetzt "eher dafür", ein etwas kleinerer Anteil von 33 Prozent "eher dagegen", und 28 Prozent konnten sich nicht entscheiden.
Übers Ganze gesehen hatte sich die allgemeine Ablehnung innert 30 Monaten rund um die Hälfte verringert, während die Zustimmung um gut die Hälfte angestiegen war. In absoluten Zahlen heisst dies, dass rund 1,3 Mio SchweizerInnen ihre anfängliche Ablehnung abbauten und gut die Hälfte hiervon ihre Meinung darüberhinaus auch in zustimmende Richtung wandelte. Alles in allem kann man von einer beträchtlichen Masse an Meinungswandel im Verhältnis der schweizerischen Stimmbürgerlnnen zu Fragen der Gentechnologie ausgehen. Zwar blieb der Oberhang an Zustimmung recht gering, doch hat sich das Obergewicht an Ablehnung zugunsten einer geteilten Grundposition abgebaut.
Etwas verändert hat sich in unserem Untersuchungszeitraum der Informationsstand der stimmberechtigten Bevölkerung in Fragen der Gentechnologie (vgl. Schaubild 2). Die Zunahme an Wissen blieb zwar bescheiden, doch reduzierte sich namentlich der Eindruck der Überforderung resp. erhöhte sich die Vertrautheit mit dem neuen Thema in den zweieinhalb Jahren der Diskussionen zur Gentechnologie.
Die Zeitreihe, die uns beim Wissen zur Verfügung steht, umfasst die Monate April 1997 bis Mai 1998. Vier Wissensfragen, die wir während dieser Zeit konstant stellten und allgemeine Aspekte der Gentechnologie und ihrer Anwendung in der Medizin sowie in Lebensmitteln enthielten, wurden sowohl am Anfang wie auch am Ende des Befragungszeitraumes etwa gleich häufig richtig beantwortet:
16 Prozent nannten zu Beginn in allen vier Fällen die korrekte Lösung, während dies am Schluss mit 18 Prozent kein signifikant höherer Anteil war. Zwischenhinein stieg der Anteil auf maximale 23 Prozent. Praktisch gleiches lässt sich für die Anteile mit drei resp. zwei oder nur einer zutreffenden Antwort festhalten: vgl. Schaubild 2.
Einflüsse auf die Grundhaltung zeigt namentlich der wahrgenommene Informationsstand. Dieser umschreibt das Mass, indem sich die Bürgerinnen informiert fühlen, das heisst der Meinung sind, für eine politisch verbindliche Entscheidung gerüstet zu sein. Dabei kann diese Haltung ziemlich unabhängig vom effektiven Wissen entstehen; massgeblich ist, dass die erhaltenen Informationen im Vergleich zum Wunsch nach solchen als angemessen erscheinen. Insofern ist die Informiertheit nur eine subjektive, für den Grad der Unsicherheit im Umgang mit einem Thema aber entscheidende Grösse.
Der zeitliche Verlauf der Werte für die Informiertheit (vgl. Schaubild 3) ist kurvilinear: Im Januar 1996 wähnten sich noch 37 Prozent der Befragten in Fragen der Gentechnologie "sehr gut" resp. "gut" informiert. Die rasch zunehmende und komplexer werdende Auseinandersetzung zum Thema in der Öffentlichkeit löste vorerst Verunsicherung aus, fühlten sich doch im August 1996 gerade noch 27 Prozent der StimmbürgerInnen hinreichend informiert. Immerhin stieg dieser Anteil in der Folge wieder an, und zwar bis im April 1997 auf die ursprünglichen 37 Prozent, um dort vorerst zu verbleiben und im Frühsommer 1998 unter dem Eindruck der Hauptphase des Abstimmungskampfes auf 41 Prozent anzusteigen.
Zieht man einen Vergleich vom Moment mit der grössten empfundenen Überforderung bis hin zum Abstimmungstag, kann ein Anwachsen der Vertrautheit konstatiert werden. Der Prozess fand aber nur statt, weil die Dauer der Meinungsbildung erheblich war; wäre eventuell nur kurzfristiger Natur gewesen, hätte eine Entscheidung noch während der ersten allgemeinen Verunsicherung stattgefunden und verstärkt negative Reaktionen ausgelöst. Abstrahiert man von den Eigenheit der Trends in der ersten, aber recht kurzen Phase, bleibt die Abnahme der Überforderung mit der Dauer der Meinungsbildung, die mit dem Wandel in der Grundhaltung einhergeht.
Namentlich im letzten Jahr vor der Volksabstimmung veränderten sich die emotionalen Reaktionen auf Fragen der Gentechnologie. Insgesamt entwickelte sich eine ambivalente Gefühlslage, bei der die positiven Bestandteile schliesslich mindestens so stark waren wie die negativen.
Dominierten am Anfang der Debatte die Momente der "Gefahr" und "Besorgnis" (vgl. Schaubild 4) in den Emotionen bei einer überwiegenden Mehrheit der befragten Personen, verschwanden diese Reaktionen in den neun Monaten vor der Volksabstimmung bei 10 bis 15 Prozent der StimmbürgerInnen. Gleichzeitig bauten sich auch vermehrt positive Affekte auf (vgl. Schaubild 5), indem der Einsatz der Gentechnik in bestimmten Bereichen als Chance empfunden wurde bzw. die verbreiteten Erwartungen auch Hoffnungen erzeugten.
Im Mai 1998 hielten sich die Anteile der Bevölkerung die Waage, die Chancen bzw. Risiken sahen, während die Nennhäufigkeit von Hoffnungen die anfänglich vorherrschenden Sorgen sogar leicht übertraf. Individuell betrachtet kam es bei den meisten Bürgerinnen zu einer Mischung der verschiedenen Komponenten, sodass eine emotionale Ambivalenz als Mehrheitsreaktion festgehalten werden konnte.
Eine Minderheit der Stimmbürgerlnnen zeigte praktisch unabhängig davon eine stark negative Emotion. Mit Schock auf die Veränderungen, die sich durch die Gentechnologie ankündigten, reagierte stets zwischen einem Viertel und einem knappen Drittel der stimmberechtigten Bevölkerung. Zwar zeigte sich bei dieser Gruppe nicht der Ausgleich von positiven und negativen Affekten, doch wuchs diese Gruppe über die Zeit hinweg auch nicht an.
Generell kann gelten, dass der Wandel in der Grundhaltung zur Gentechnologie durch eine Erweiterung der Gefühlslage der Bevölkerung begleitet war. Die Verschiebung von dominant negativen Emotionen zu einer gemischten Gefühlslage entwickelte sich parallel zur Reduktion der negativen Grundhaltung bzw. zum Aufbau einer vermehrt positiven.
Wie weit spiegeln sich die Grundhaltung resp. der feststellbare Meinungswandel zur Gentechnologie in der Beurteilung einzelner Aspekte der Gentechnik-Diskussion?
Da unsere Befragungsserie nicht nur die allgemeinen Fragen wiederholt stellte, sondern stets auch eine Reihe konkreter Streitpunkte beinhaltete, kann auch diese Fragestellung erörtert werden. In der nachfolgenden Darstellung beschränken wir uns aber auf ausgewählte Aspekte, die aber dennoch die Gesamtheit der Zusammenhänge aufzeigen.
Die prinzipiell kritische Position in der Gentechnik-Debatte geht davon aus, nur ein generelles Verbot der Gentechnologie biete Gewähr, Gefahrenquellen zu verbannen, die mit dieser Technologie in Verbindung gebracht werden. Die Gegenposition hierzu unterstellt eine optimale Nutzung von Chancen, die sich mit der Anwendung von Gentechnologien ergeben, wenn der Einsatz möglichst ungehindert erfolgt. Zwischen diesen beiden Polen hat sich in der öffentlichen Diskussion eine dritte Position herausgebildet, die von einer geregelten, das heisst politisch, rechtlich und ethisch kontrollierten Anwendung der Gentechnologie ausgeht.
Auch wenn sich in dieser Frage kein klarer zeitlicher Verlauf ergibt, kann doch übers Ganze gesehen ein leichter Anstieg der Unterstützung einer kontrollierten Anwendung von Gentechnologie verzeichnet werden. In der letzten Erhebung vor der Volksabstimmung waren 82 Prozent auf dieser Position, während 12 Prozent ein generelles Untersagen von gentechnischen Applikationen befürworteten. Damit folgte der überwiegende Trend in dieser Frage weitgehend der Entwicklung bei der Grundhaltung.
Immerhin empfanden beträchtliche Anteile der stimmberechtigten Bevölkerung den Ist-Zustand bei den Regelungen als ungenügend. Im Mai 1997 waren 56 Prozent der GegnerInnen von Verboten gleichzeitig der Meinung, dass die bestehenden rechtlichen Vorschriften nicht hinreichend seien und ausgebaut werden müssten. Speziell ab Oktober 1997 reduzierte sich dieser Anteil allerdings bis auf 41 Prozent, während für 22 von hundert Befragten die in der Schweiz gültige Gesetzgebung genügte, und 1 von 50 Personen eine Reduktion wünschte. Ein beträchtlicher Anteil wusste sich in dieser Frage während des ganzen Befragungszeitraumes nicht zu plazieren.
Die parlamentarische Behandlung resp. Entscheidung zur "Gen-Schutz"-Initiative war ein auslösendes Moment für die spezifischen Trends. Im Gefolge der deutlichen Verwerfung der Volksinitiative im National- und Ständerat stellten die Behörden das "Genlex"-Programm als indirekten Gegenvorschlag zur Volksinitiative vor, wobei das "Nein"-Lager diese Botschaft befürwortete und sowohl kommunikativ wie auch werberisch verbreitete. Damit setzte es gleich verschiedene Zeichen: Zum einen eröffnete diese Position die Möglichkeit, sich gegenüber radikalen Ansichten abzugrenzen, ohne mit leeren Händen dazustehen, was eine effektvollere Kommunikation erlaubte. Zum andern nahm das "Nein"-Lager einen Teil der Bevölkerungsbedenken auf, traf der angestrebte Mittelweg die einstellungsmässige Ambivalenz sehr gut.
Die Gegenposition hierzu, die von den Trägern der Volksinitiative vor allem im Zusammenhang mit der Ethik-Diskussion gesucht wurde, fand denn auch kaum mehr einen spezifischen Widerhall in der breiten Bevölkerung, verlief doch die Beurteilung der Defizite in der Regelung der Anwendung sowohl bei den rechtlichen wie auch den ethischen Fragen praktisch parallel.
Die Auswirkungen des allgemeinen Meinungswandels zu Fragen der Gentechnologie sind insgesamt gering, wenn ihre Anwendung nach Lebewesen unterschieden wird. Rasch akzeptiert wurde der Einsatz der Gentechnik bei Bakterien, die allerdings nur als Lebensform, nicht aber als Lebewesen verstanden werden. Je stärker diese mit dem Mensch vergleichbar sind, desto eher bleiben Vorbehalten bei der Anwendung von Gentechnologie bestehen. Dies gilt weitgehend unabhängig vom allgemeinen Meinungswandel.
Gemischt geblieben ist das Urteil zum Einsatz von Gentechnik in Pflanzen (vgl. Schaubild 8). Zu Beginn der Untersuchungszeit waren 39 Prozent "eher dafür" und 49 Prozent "eher dagegen". Kurz vor der Abstimmung lauteten die Vergleichswerte 36 zu 42. Etwas zugenommen hatte die Unschlüssigkeit.
Auch wenn sich kaum ein Trend abzeichnet, folgen daraus nicht zwingend gänzlich stabile Verhältnisse. Vielmehr machte sich speziell im Herbst 1997 ein eigentlicher Einschnitt bemerkbar, der mit dem Höhepunkt der Nahrungsmittel-Diskussion im Kontext der Gentechnik-Debatte in der Schweiz zusammenfiel. Vorübergehend waren damals 58 Prozent gegen gentechnische Modifikationen in Pflanzen, während nur 28 Prozent diese befürworteten. Der Effekt hielt allerdings nicht lange an, und die Werte pendelten sich wieder nahe bei den ursprünglichen ein.
Bezogen auf Tiere (vgl. Schaubild 9) war die Beurteilung der Anwendung der Gentechnik in jedem Zeitpunkt skeptischer. Anfänglich zeigten sich 73 Prozent dagegen und nur 14 Prozent dafür. Auf tiefem Niveau folgte der Trend der allgemeinen Entwicklung. Kurz vor der Abstimmung befürwortete eine Viertel der Stimmberechtigten die Anwendung von Gentechnik bei Tieren, und 59 Prozent lehnten dies weiterhin ab.
In beiden Fällen sind die Zwecke massgeblich, unter denen der Einsatz von Gentechnologie akzeptiert wird. Generell kann gelten: Resultiert aus der Anwendung von Gentechnik in Pflanzen oder bei Tieren ein Vorteil für die Menschheit, steigt die Zustimmung; demgegenüber bleibt sie gering, wenn sich nur für eine spezifische Gruppe ein Nutzen ergibt. Bei den Pflanzen wird dies in der Ablehnung von Rechtfertigungen sichtbar, die via designer food auf eine reine Erhöhung der Nahrungsmittel-Auswahl für den Einzelnen zielen (23 % "eher dafür"), während gentechnisch hergestellte Nahrungsmittel mehrheitlich akzeptabel erscheinen, wenn sie entweder zur Reduktion der Welthungers oder zum verringerte Einsatz von Düngemitteln einen Beitrag leisten (63 resp. 62 %"eher dafür"). Bei den Tieren drückt sich Analoges aus, indem 82 Prozent "eher gegen" Gentechnologien zur Ertragssteigerung sind, während 66 Prozent gentechnische Versuche bei Tieren akzeptieren, die medizinische Erkenntnisse liefern resp. 64 "eher dafür" sind, gentechnisch hergestellte Medikamente resp. Impfstoffe bei Tieren zu testen.
Hoch ist in der Schweiz die Akzeptanz des Forschungsplatzes. Dies wirkt sich auch auf die Zustimmung zur gentechnischen Forschung aus, und zwar sowohl zur Grundlagen- wie auch zur angewandten Forschung. Die Meinungen hierzu waren in der stimmberechtigten Bevölkerung schon früh gemacht und veränderten sich über die ganze Befragungszeit hinweg nur leicht. Zu Beginn unserer Befragungsreihe ermittelten wir positive Werte bei rund 6 von 10 StimmbürgerInnen, am Ende bei 7. Parallel nahm hierzu die Ablehnung von 27 auf 15 Prozent ab.
Der hohe Pragmatismus in dieser Frage (vgl. Schaubild 10) wird durch ökonomische Überlegungen begründet, wobei sich auch hier interessante Unterschiede ergeben, je nachdem, wie diese kommuniziert werden. Nur bedingt für richtig gehalten wurde das Argument, wonach die Gentechnologie-Anwendung in der Schweiz viele Arbeitsplätze schaffe. Im Oktober 1996 hegten noch eine Mehrheit der Befragten entsprechende Hoffnungen, während sich dieser Anteil namentlich im Verlaufe des Abstimmungskampfes zurückentwickelte und im April 1998 mit 40 Prozent Zustimmung den Tiefstwert erreichte. Der Anteil nahm komplementär zu, ohne eigene Forschung auch im Bereich der Gentechnologie würden noch mehr Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden. Waren im Oktober 1996 erst 46 Prozent dieser Ansicht, unterstützen sie 63 von Hundert im April 1998. Vermeidung von Schlimmerem nach einer lang anhaltenden Rezession kann denn auch als das Argument gelten, das die Akzeptanz der Gentechnik-Forschung rechtfertigte.
Praktisch unbestritten ist in der Schweizer Bevölkerung der Einsatz von Gentechnik zu medizinischen Zwecken (vgl. Schaubild 11). der Hauptgrund hierfür zeigt sich am besten anhand des Zukunftsbildes. Knapp zwei Drittel der StimmbürgerInnen gehen davon aus, dank Forschungen im Bereich der Gentechnologie in 5 bis 10 Jahren medizinische Rezepte für schwere Krankheiten zu haben.
Bezogen auf Nahrungsmittel (vgl. Schaubild 12) erwartet schweizerische Stimmbürgerschaft durch die Anwendung von Gentechnik weniger drastische Veränderungen. Nur 37 Prozent glaubten im Mai 1998, in 5 bis 10 Jahren kaum mehr Lebensmittel ohne gentechnische Veränderungen vorzufinden. Mit 49 Prozent rechnete fast die Hälfte, dies werde nicht eintreffen.
Der Wunsch, selber zwischen unveränderten und gentechnisch modifizierten Nahrungsmitteln entscheiden zu können, besteht dabei bei einer breiten Mehrheit der Bevölkerung. Im Verlauf der Diskussion über die Gentechnik in der Schweiz gewann diese Haltung sogar an Zulauf. 80 Prozent möchten beim Kauf der Konsum selber entscheiden können, was sie essen.
Selber GVO-Nahrungsmittel konsumieren wollten im Mai 1998 nur 30 Prozent der StimmbürgerInnen, und 48 Prozent waren eindeutig gegenteiliger Meinung. Dabei wiederholte sich auch hier der Einschnitt im Herbst 1997, als die Skepsis ihren Höhepunkt hatte, in der Folge aber auch wieder etwas abgebaut wurde.
Ein erhebliches Misstrauen kann schliesslich bezüglich der Deklaration gentechnisch modifizierter Nahrungsmittel festgehalten werden. Nur etwa ein Fünftel hielt das erreichte Ausmass für hinreichend. Speziell nach der Diskussion um gentechnische Veränderungen der "Toblerone"-Schokolade vergrösserte sich der Anteil und zeigte sich in dieser Haltung Verfestigungen, die bei einer Mehrheit der Bevölkerung seither kaum Veränderungen erfahren haben.
Welche Schlussfolgerungen können aus dem Rundgang zum "Gentechnik-Monitor' in Fragen des Verhältnisses von StimmbürgerInnen in der Schweiz und der Gentechnologie gezogen werden?
Beginnen wir unsere systematische Erörterung dieser Frage mit der aktuellen Disposition der Bevölkerung zu Fragen der Gentechnologie:
Die Trends, welche wir in unserem Monitoring beobachten konnten, lassen sich wie folgt umschreiben:
Die Grundhaltung zur Gentechnologie hat sich zwar verbessert, steuert jedoch erst bedingt die Bewertung der Einzelfragen. Deren Veränderungen sind in erster Linie eine Folge der etwas gewachsenen Vertrautheit, womit sich Skepsis aus Überforderung reduziert hat. Die Auswirkungen der Grundhaltung auf die verschiedenen Diskussionsfelder der Gentechnik-Debatte sind aber differenziert und uneinheitlich.
Grob gesehen lassen sich drei Phasen der Meinungsbildung unterscheiden:
Die meisten Veränderungen in den Haltungen erfolgten dabei nicht sprunghaft, sondern zeigen eine gewisse Kontinuität, wobei ausgewählte Ereignisse einen Trend einleiteten oder aber eine eigentliche Wende in der Meinungsbildung erzeugten. Zu den grossen Ereignissen zählen wird insbesondere die folgenden:
Insgesamt kann ein erheblicher Einfluss verschiedener Ereignisse im Zusammenhang mit der Gentechnologie-Diskussion postuliert werden, wobei sich sowohl nationale wie auch internationalen Einflüsse zeigen. International verursacht waren vor allem Meldungen aus dem Forschungsbereich. Mehr national entstanden waren die hauptsächlichen Ereignisse im Kontext der Nahrungsmitteldiskussion. In beiden Fällen kann ein tendenzielles Nachlassen negativer Auswirkungen im Wiederholungsfalle angenommen werden. So wirkte die Ankündigungen anfangs 1998, Menschen klonen zu wollen, deutlich weniger stark als die Existenz eines geklonten Schafes, und auch die Zulassung von gentechnisch verändertem Mais wurde wesentlich weniger dramatisch aufgenommen als frühere Entscheide, die das Soja betrafen.
Historisch gesehen wird man festhalten, die öffentliche Debatte in der Schweiz über die Gentechnologie sei im wesentlichen im Vorfeld der politischen Entscheidung über die Gen-Schutz-Initiative lanciert worden. Die Thematik war für die Verhandlung reif, was bei der Volksabstimmung 1992 über den Verfassungsartikel zur Gentechnologie noch eindeutig nicht der Fall war.
Für die Meinungsbildung ist allerdings entscheidend, dass die politische Entscheidung der Bevölkerung nicht ganz in die Startphase der Debatte fiel, sondern rund zwei bis zweieinhalb Jahre danach. Anfänglich beherrschte das allgemeine Klima zur Gentechnik-Frage die Einschätzung der Initiative, die als mehrheitsfähig galt. Mit der Zeit fokussierte sich die öffentliche Diskussion verstärkt auf die Volksinitiative und überwog diese namentlich ab anfangs 1998 eindeutig.
Die spezifische Meinungsbildung zur Gen-Schutz-Initiative folgte der üblichen Logik bei Volksinitiativen. Namentlich dann, wenn sie ein Phänomen aufgreifen, das allgemein als problematisch angesehen wird, können sie in der Startphase mit einer breiteren Unterstützung rechnen. Wenn sich aber in der Folge die Diskussion auf die Initiative konzentriert, entwickeln sich die Meinungen weniger anhand des Problems, sondern aufgrund der vorgeschlagenen Lösungen. Erweisen sich diese als untauglich, wird eine Volksinitiative in der Regel mehrheitlich verworfen, selbst wenn das dahinter liegende Problem weiter bestehen bleibt. Bei der Gen-Schutz-Initiative erwies sich die Fokussierung der Einschränkungen in der Forschung und in der Medizin entscheidend, während sie in der umstrittenen Nahrungsmittel-Frage kaum verschärfte Regelungen vorsah.
Eine Eigenheit der Meinungsbildung zur Gen-Schutz-Initiative ist es, zu Beginn durch die mehrheitlich negativen Dispositionen zur Gentechnik geprägt worden zu sein. Mit der Zeit begann sich aber die wachsende Ablehnung der Initiative auch auf die Beurteilung der Gentechnik auszuwirken. Namentlich unter dem Eindruck der Hauptphase des Abstimmungskampfes können wir eine verstärkte Zustimmung zur Gentechnologie nachweisen, die unmittelbar nach der politischen Entscheidung ihren bisherigen Höhepunkt hatte. Wie Schaubild 1 zeigte, stieg der Anteil mit einer positiven Grundhaltung zur Gentechnologie unmittelbar nach der Ablehnung der Volksinitiative auf 51 Prozent der StimmbürgerInnen. Wie weit dieser Meinungswandel situativ bedingt ist resp. von bleibender Wirkung sein wird, wird die Fortsetzung des Monitors mit einem gewissen Abstand zur Volksabstimmung zeigen.
Binet, 0.: Gentechnologie in der Schweiz. Eine polit-ökonomische Analyse. Diss. Basel 1997.
Biotechnologiy and the European Public. Eurobarometer 46.1., Brussels 1997.
Fishbein, M.: Readings in attitude theory and measurement. New York 1967.
Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich: Die Bevölkerung steht der Gentechnologie ambivalent gegenüber: eine repräsentative Umfrage. Pressedokumentation. Zürich 1997.
Longchamp, C.: Die Meinungsbildung der Bürgerschaft im Spiegel der Demoskopie, in: Schweiz. PR-Gesellschaft: Was muss ich wissen, was darf ich glauben? Jahrestagung 1997, Bern 1997.
Longchamp, C.: Ambivalent, differenziert und pragmatisch. Bericht zu einer Repräsentativ-Befragung zum Verhältnis der Schweizerinnen zur Gentechnik, Zürich 1997.
Longchamp, C. / Cattacin, S. / Wisler, D. / Lehmann, P. (Hg.): Pragmatismus statt Polarisierung. Entwicklung von Einstellungen zur Drogenpolitik in der Schweiz mit einer Spezialanalyse der Volksabstimmung zu "Jugend ohne Drogen". Bern 1998.
Longchamp, C. / Huth, P. / Kraut, P.: Den eigenen Weg sichtbar machen. Schlussbericht zum "Drogenmonitor '97" im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit, GfS-Forschungsinstitut, Bern 1997.
Raselli, G. / Longchamp, C. / Herrmann, V.: Wahrnehmung von Biotechriologie und Gentechnik durch die Öffentlichkeit. Technischer Bericht zur Eurobarometer-Erhebung in der Schweiz. GfS-Forschungsinstitut, Zürich 1997.
Stroebe, W. Hewstone, M. / Stephenson, G.M.: Sozialpsychologie. Eine Einführung, dritte, erweiterte und überarbeitete Auflage, Berlin 1996
1 Mein Dank geht an alle, die bei den Vorarbeiten für diesen Text geholfen haben, namentlich an meine Mitarbeiterinnen Petra Huth, Peter Kraut, Urs Bieri, Luca Bösch und Georges Ulrich. Speziell für die Freigabe der Daten sei auch Thornas Cueni von der Interpharma gedankt.
2 Eine Dokumentation zur Volksinitiative findet sich auf Internet unter der URL: http:// www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vi249t.html; eine Zusammenstellung von vorhandenen Informationen zur Meinungsbildung in der Schweiz in Sachen Gentechnologie findet sich unter URL: http://www.polittrends.ch/ abstimmungen/abstimmungsanalysen/gentechnik/welcome.html.
3 0. Binet: Gentechnologie in der Schweiz. Eine polit-ökonomische Analyse. Diss. Basel 1997.
4 Vgl. etwas Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich: Die Bevölkerung steht der Gentechnologie ambivalent gegenüber: eine repräsentative Umfrage. Pressedokumentation. Zürich 1997; bzw. Biotechnology and the European Public. Eurobarometer 46.1., Brussels 1997 sowie für die Schweiz G. Raselli, C. Longchamp, V. Herrmann: Wahrnehmung von Biotechnologie und Gentechnik durch die Öffentlichkeit. Technischer Bericht zur Eurobarometer-Erhebung in der Schweiz. GfS-Forschungsinstitut, Zürich 1997.
5 Einen Zwischenstand aus dem Forschungsvorhaben veröffentlicht die Informationsstelle "Gentechnik und Gesellschaft" der ETH Zürich unter dem Titel C. Longchamp: Ambivalent, differenziert und pragmatisch. Bericht zu einer Repräsentativ-Befragung zum Verhältnis der SchweizerInnen zur Gentechnik, Zürich 1997 (URL: http: //www.usgeb.ch/sda1.html).
6 C. Longchamp: Die Meinungsbildung der Bürgerschaft im Spiegel der Demoskopie, in: Schweiz. PR-Gesellschaft: Was muss ich wissen, was darf ich glauben? Jahrestagung 1997, Bern 1997.
7 Für die Fundierung siehe M. Fishbein: Readings in attitude theory and measurement, New York 1967; als aktuelle Übersicht sei W. Stroebe, M. Hewstone, G.M. Stephenson: Sozialpsychologie. Eine Einführung, dritte, erweiterte und überarbeitete Auflage, Berlin 1996 empfohlen.
8 C. Longchamp, P. Huth, P. Kraut: Den eigenen Weg sichtbar machen. Schlussbericht zum "Drogenmonitor '97" im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit, GfS-Forschungsinstitut, Bern 1997.
9 Eine Anwendung des Dispositionskonzeptes zur Meinungsbildung bei Volksinitiativen gibt C. Longchamp, S. Cattacin, D. Wisler, P. Lehmann (Hg.): Pragmatismus statt Polarisierung. Entwicklung von Einstellungen zur Drogenpolitik in der Schweiz mit einer Spezialanalyse der Volksabstimmung zu Jugend ohne Drogen". Bern 1998.
