![]() | Claude Longchamp, |
Lehnen die Schweizer und Schweizerinnen die Gentechnik rundwegs ab, oder stimmen sie nach der Ablehnung der "Genschutz"-Initiative völlig zu? Sind sie optimistisch oder pessimistisch, wenn es um die künftige Anwendung der Gentechnik geht, oder haben sie andere Beurteilungskriterien? Diesen und anderen Fragen im Verhältnis der Schweizer und Schweizerinnen, genauer der Stimmberechtigten, zur Gentechnologie geht das umfassende Forschungsprojekt "Gentechnik-Monitor" nach. Die jüngste der Repräsentativ-Befragungen, die im Juli 2000 bei 1207 stimmberechtigten Personen durchgeführt wurde, gibt Antworten auf die Frage, ob die SchweizerInnen weiterhin polarisiert oder differenziert über Gentechnik urteilen.
Der generelle Befund ist bekannt: Dank den Hoffnungen bei einer medizinischen Anwendung hat die Gentechnik in den 5 Jahren, in denen sie öffentlich debattiert wird, Anerkennung gefunden. Akzeptiert ist deshalb auch die gentechnische Forschung, während ihr Einsatz im Lebensmittelbereich umstritten bleibt.
Auf der prinzipiellen Ebene befürworten heute knapp zwei Drittel der Stimmberechtigten den Einsatz der Gentechnik, um erblich bedingte Gesundheitsrisiken diagnostizieren zu können. Gleichviel sind positiv eingestellt, wenn man auf diesem Weg Missbildungen bei Ungeborenen frühzeitiger erkennen und behandeln kann oder auch, wenn dank Gentechnik die Lebensqualität von Patienten und Patientinnen Verbesserungen erfährt. Jeweils knapp ein Viertel der BürgerInnen widersetzt sich diesen medizinischen Anwendungsmöglichkeiten. Abgeleitet werden kann daraus, dass die Erfassung des menschlichen Genoms grundsätzlich akzeptiert wird, wenn sie Verbesserungen bei der Früherkennung von Krankheiten bringt und damit die Chancen für Behandlungen erhöht.
Allerdings lösen die sichtbar werdenden Konsequenzen trotz der prinzipiellen Befürwortung auch Verunsicherung aus. So fürchten 61 Prozent, dass es zu Missbräuchen mit Ergebnissen aus Genomanalysen kommen wird. Sogar 69 Prozent sind es, die Gentests erlauben möchten, aber selber als Person über die Weitergabe der Resultate entscheiden wollen. Nur eine Minderheit von 17 Prozent ist dafür, diese Informationen einem weiteren Kreis zugänglich zu machen. Dabei kommt für diese Gruppe eine Weitergabe an Krankenkassen und Versicherungen am ehesten in Frage, kaum aber an den Arbeitgeber oder die Behörden.
Die Antwort auf die Frage, was differenzierte Urteile zur Gentechnologie und ihrer Nutzung bewirkt, lautet: Die Anwendung einer umstrittenen Technologie wie der Gentechnologie wird dann akzeptiert, wenn ein Beitrag zur Lösung bestehender Probleme erwartet, besser noch wenn er auch nachgewiesen werden kann. Die Beurteilung des Lösungspotenzials der Gentechnologie folgt dabei entlang der Linie der denkbaren Betroffenheit: Alles, was ungelöst erscheint und potenziell viele betrifft, rechtfertigt den Einsatz von Gentechnologien. Am deutlichsten sichtbar wird dies bei der Bekämpfung schwerer Krankheiten wie AIDS, wo die Akzeptanz durch die Stimmberechtigten mit 78 Prozent so gross ist wie sonst nirgends. Erscheint die Anwendung dagegen ausserhalb der genannten Kriterien, stehen die gleichen Menschen der Anwendung sogar in der Medizin negativ gegenüber. Dies zeigt sich am besten, dass die Verschönerung der Menschen mit Gentechnik als Luxusproblem angesehen und abgelehnt wird. Es trifft aber auch auf die Entwicklung neuer Medikamente für Alltagsbeschwerden zu, die heute schon behandelbar sind.
Diese generellen Kriterien helfen auch, die weiterhin bestehende Ablehnung von Gentechnik in Nahrungsmitteln zu erklären. Der Nutzen ist nicht offensichtlich, leidet doch in der Schweiz kaum jemand unfreiwillig Hunger. Erwartet wird deshalb, dass mit GVO-Lebensmitteln ein Verdrängungswettbewerb zwischen konventioneller Nahrung, Bio-Lebensmitteln und Gen-Food entstehen wird, was - ausser den stärksten Befürwortern der Gentechnologien - niemanden richtig überzeugen will. Hierzulande gibt es eigentlich nur ein überzeugendes Argument, das die Akzeptanz erhöhen könnte: Liesse sich dank Gentechnik der Einsatz von Agrochemikalien verringern, wären 54 Prozent für den Einsatz. Doch nur 11 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass dies in den nächsten 5 Jahren auch geschieht.
Die aktuelle Skepsis reicht aber nicht soweit, dass man Verbote der Gentechnik in Nahrungsmitteln befürwortet. Rund drei Viertel trauen sich unvermindert zu, ihre Kaufentscheidungen selbst steuern zu können. Sie verlangen deshalb Garantien der Wahlfreiheit, etwa in Form einer eindeutigen Deklarationspflicht auf Nahrungsmitteln. Die Toleranz gegenüber der Zulassung ist demnach mehrheitlich gegeben. Gentechnisch veränderte Nahrungsmittel konsumieren würden aber nur 21 Prozent der 4,7 Mio. stimmberechtigten Personen.
Systematisiert man die je nach Situation unterschiedlichen Antworten auf die Anwendung der Gentechnik, ergibt sich Erstaunliches: Die Urteile zur Gentechnik hängen weniger mit den eigenen Erfahrungen und dem Basiswissen als mit den Erwartungen zusammen. Dabei können drei typische Zukunftsvorstellungen unterschieden werden: der Optimismus, der Pessimismus und der Pragmatismus.
Die Fürsprecher des Pessimismus prägten zu Beginn der öffentlichen Diskussion das Bild der Gentechnologie. Typisch hierfür ist der Verdacht, die medizinische Nutzung der Gentechnologie erfolge nicht, um Krankheiten zu behandeln, sondern um Designer-Babys herstellen zu können. Für Pessimisten steht aber auch fest, dass es kaum mehr gentechnisch unveränderte Nahrungsmittel geben wird. Mit gewissem Zynismus akzeptieren sie, dass damit das Angebot in den Einkaufsläden steigen wird, doch glauben sie nicht an Vorteile für die KonsumentInnen. Besonders misstrauisch reagieren sie schliesslich, wenn die Gentechnik als Beitrag zur Linderung des Welthungers propagiert wird. Solch typisierter Pessimismus zur Gentechnik wird heute von rund 18 Prozent der Stimmberechtigten vertreten. Stärker kommt er bei Leuten vor, die 1999 bei den Nationalratswahlen Grün oder EVP wählten, aber auch bei Personen mit einer geringen Integration in die Erwerbsgesellschaft.
Zahlreicher sind die Optimisten, die nichts mit der Schwarzmalerei der Pessimisten anfangen können. Diese 34 Prozent der Stimmberechtigten sind überzeugt, dass Krebs dank Gentechnik bald bekämpft werden kann und die Gentechnik schnell zu einem wichtigen Wirtschaftszweig wird. Sie glauben auch, dass das Angebot an Nahrungsmitteln reichhaltiger sein könnte, dass Essen und trinken besser schmecken wird und die Konsumenten finanziell profitieren werden, wenn Gentechnik in Nahrungsmitteln nicht nur zugelassen wäre, sondern auch produziert und verteilt werden dürfte. Ob so viel Euphorie sind sie auch überzeugt, dass sich die Menschen in der Welt und in der Schweiz in wenigen Jahren an Gentechnik gewöhnt haben werden. Politisch zeigen sie eine Nähe zu liberalen Positionen und befürworten die ökonomische Modernisierung bzw. eine vermehrte Leistungsorientierung. Sie sind überdurchschnittlich bei den Wählenden der Liberalen, der Freisinnigen und der CVP anzutreffen.
Weder genereller Optimismus noch prinzipieller Pessimismus kennzeichnet die Grundhaltung fast der Hälfte der Stimmberechtigten mit pragmatischen Urteilen über die Gentechnik. Sie gehen von Fortschritten dank der medizinischen Nutzung von Gentechnologie aus. Sie sträuben sich gegen deren Dämonisierung. Ausgehend vom anerkannten medizinischen Nutzen rechnen sie gleich wie die Optimisten damit, dass dank der Gentechnik ein neuer Wirtschaftszweig entstehen wird. Von den OptimistInnen unterscheiden sie sich aber in ihren Einstellungen zur Nahrungsmittel-Frage. Für die Pragmatiker erscheint diese Ausweitung der Anwendung nicht sinnvoll. Und: Anders als die Pessimisten glauben sie, dass es auch inskünftig möglich sein wird, zwischen Gen-Food und anderen Nahrungsmitteln zu unterscheiden. Deshalb reicht es ihnen, wenn die Wahlfreiheit gewährleistet ist. Politisch gesehen sind sie nahe beim Bevölkerungsschnitt. Soziologisch betrachtet, fällt ihre überdurchschnittlich starke Vertretung bei den Erwerbstätigen mit einem eher überdurchschnittlichen Einkommen auf.
Die drei Grundpositionen zur Gentechnik, die sich in den ersten Jahren der öffentlichen Diskussion entwickelt haben, sind für kommende politische Entscheidungen nicht ohne Belang: Selbstredend haben die Optimisten verstärkt gegen die "Genschutz"-Intiative gestimmt und die Pessimisten vermehrt dafür. Ausschlaggebend waren aber die Pragmatiker, die den medizinischen Fortschritt nicht verhindern und sich das ökonomische Potential der Gentechnik nicht verbauen wollten. Deshalb reagieren sie auch heute noch auf Verbote der Gentechnik mit überwiegender Ablehnung. Dies gilt sowohl für die Gentechnik generell wie auch für die Gentechnik in Nahrungsmitteln. Ähnlich wie die Optimisten sind sie dabei der Meinung, Gentechnik solle in der Schweiz kontrolliert angewendet werden dürfen. Gleich wie die Pessimisten votieren die Pragmatiker aber für mehr Kontrollen.
Mit anderen Worten: Über die kommende gesellschaftliche Akzeptanz der Gentechnik entscheiden pragmatische Bürger und Bürgerinnen, die nach Erwartungen am Nutzen-Prinzip messen.
| Gentechnik-Monitor Der Gentechnik-Monitor wird vom GfS-Forschungsinstitut für die Interpharma realisiert. Begonnen wurde mit der Serie von Repräsentativ-Befragungen 1996. Seither sind 16 grössere Befragungen mit sowohl wiederkehrenden wie auch tagesaktuellen Fragen realisiert worden, wobei rund 16000 Stimmberechtigte Auskunft über ihre Einstellungen zur Gentechnik, zur Forschung, Produktion und Anwendung gaben. |