Trends in der Stimm- und Wahlbeteiligung in der Schweiz

Stand: 14. Juni 1999

Claude Longchamp

Claude Longchamp,
Co-Leiter des GfS-Forschungsinstituts

Die politische Beteiligung in der Demokratie

Die sinkende Wahlbeteiligung

Die schwankende Stimmbeteiligung

Trends während der laufenden Legislaturperiode

Kantonale Eigenheiten während der laufenden Legislatur

Thesen zu den Trends in der Stimm- und Wahlbeteiligung

Die politische Beteiligung in der Demokratie

In Demokratien kommt der Wahl der Regierung oder des Parlamentes eine besondere Bedeutung zu. Die Bevölkerung hat die Möglichkeit, ihre politische Vertretung selber zu bestimmen und damit Entscheidungen, die von öffentlichem Belang sind, zu steuern. Die Legitimation der Volksvertretung entsteht dadurch, dass die ursprüngliche Rechte delegiert werden. Ausgedrückt wird dies im Wahlentscheid - und zwar in doppelter Hinsicht: durch die inhaltliche Ausrichtung und durch die Beteiligung als solcher.

Vor allem in Übergangsphasen zur Demokratie hängt die Legitimation demokratischer Wahlen erheblich von der Teilnahmehöhe ab. Deshalb sind die BürgerInnen-Rechte nicht selten auch BürgerInnen-Pflichten. Entsprechend bezeichnet man Wahlen bei einer hohen Beteiligung als "breit abgestützt", während der Verdacht einer "wenig gesicherten" Entscheidung schnell aufkommt, wenn die Teilnahme gering bleibt. Aktuell lässt sich das am besten an den Wahlen ins Europäische Parlament verfolgen, wo die geringe Beteiligung gerne als Argument gegen die Repräsentativität des Gremiums verwendet wird.

In etablierten Demokratien ist die Kritik an tiefen Beteiligungsraten geringer. Das System als solches steht weniger zur Debatte. Vielmehr gibt es eine andere Qualifizierung der politischen Beteiligung: Argumentiert wird hier, dass eine hohe Beteiligung als reines Ritual die Qualität demokratischer Entscheidung durchaus auch nachteilig beeinflussen kann. Entsprechend rückt die Effektivität als Kriterium neben die Legitimation. Demnach kann durchaus Sinn machen, von einer "besseren" Entscheidung zu sprechen, wenn möglichst viele das Wahlrecht haben, vor allem aber jene davon Gebrauch machen, die auch eine eigene Meinung haben bzw. sich eine solche gebildet haben.1

Namentlich in direkten Demokratien bekommt diese Optik eine zusätzliche Rechtfertigung, sind doch die Ansprüche an die BürgerInnen bezüglich Intensität und Komplexität von Entscheidungen höher. Eine permanent hohe Beteiligung kann auch ein Problem sein, sind doch permanent hohe Beteiligungsraten nur bei einer hohen Konfliktintensität wahrscheinlich resp. wächst mit ihnen die Wahrscheinlichkeit, dass die Entscheidung auf einem durchschnittlich geringeren Informationsstand basiert. Das Ideal der direktdemokratischen Partizipation kann sich deshalb nicht an einer möglichst vollständigen Abstimmungsbeteiligung ausrichten.2

Das Interessante an der Entwicklung in der Schweiz ist, dass einerseits die Wahlbeteiligung analog zu den Trends in anderen fortgeschrittenen Demokratie sinkt, anderseits die Stimmbeteiligung variabel ist. Im Mittel haben sich beide Beteiligungsraten weitgehend angeglichen.3 Betrachtet man zudem die regionale Streuung der Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen entsteht sogar der Eindruck, dass sich zusehends unterschiedliche Beteiligungskulturen differenzieren:

Die sinkende Wahlbeteiligung

In international vergleichenden Studien wird die wichtigste Ursache für die verbreitete Entwicklung der sinkenden Wahlbeteiligung seit den 60er oder 70er Jahren in der Individualisierung der sozialen Beziehungen geortet.4 Rückläufig ist in vielen Gesellschaften der Kirchgang, abnehmend sind Gewerkschaftsbindungen, und Vereinsmitgliedschaften entstehen mehr aus individuellen Freizeitbedürfnissen. Politische Milieu- oder Lagerzugehörigkeit verliert damit an Bedeutung, was sich auf die politische Mobilisierung, die in erster Linie durch äusserliche Merkmale bestimmt ist, nachteilig auswirkt.5

Tabelle 1:
Rückgang der Wahlbeteiligung bei Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 1960-1993 in ausgewählten Demokratien (Angaben in %)
Schweiz 61.7 48.3 - 13.4
Frankreich 83.4 73.8 -9.6
USA 62.0 54.8 - 7.2
Niederlande 88.2 74.4 - 3.6
Deutschland 88.1 85.9 - 2.2
Quelle: Freitag (1996)

In der Schweiz gibt es seit längerem verschiedenste Hinweise, welche den allgemeinen Zusammenhang bestätigen.6 Für die Erklärung der Wahlbeteiligung als solcher genügen aber Analysen, die ausschliesslich vom Einzelnen ausgehen nicht. Vielmehr braucht es auch Betrachtungsweisen, die auf der Systemebene ansetzen. Drei schweizerische Besonderheiten kommen hier hinzu, um den im internationalen Vergleich deutlich früher Rückgang, das beträchtlichere Ausmass der Veränderungen und die insgesamt tiefere Beteiligung zu erklären.

Grafik 1: Entwicklung der Wahlbeteiligung nach Legislaturen seit Beginn der heute geltenden Regierungsformel

Alles in allem hat sich aufgrund der beschriebenen allgemeinen und spezifischen Gründe für das Sinken der Wahlbeteiligung ein Kern des heutigen Elektorates bei gesamtschweizerischen Parlamentswahlen herausgebildet, der durch eine immer noch überdurchschnittliche Nähe zu Parteien gekennzeichnet ist. Vorherrschend ist auch eine auf politische Institutionen gerichtet Aufmerksamkeit, wobei sich Beteiligungen aus Tradition und Interesse mischen. Das minimale resp. maximale Potential bei gesamtschweizerischen Parlamentswahlen kann denn auch recht präzise bestimmt werden:10

Dieses Muster hilft die, Beteiligung seit Einführung des Frauenwahlrechts zu beschreiben. Ohne spezifische Spannungen über den Wahlausgang sind überdurchschnittliche Mobilisierungsquoten in zeitlicher und räumlicher Hinsicht unwahrscheinlich. Treten wie zu Beginn der 80er Jahre mit der Ökologie-Frage neue Konflikte auf, können via solche neue Parteien entstehen, die zusätzliche WählerInnen mobilisieren, womit der Rückgang im Einzelfall gestoppt werden kann.11

1995 beteiligten sich 42,3 Prozent an den Nationalratswahlen. Damit wurde der bisherige Tiefststand erreicht.12 Aktuelle Erhebungen im Rahmen des "Wahlbarometers" sprechen dafür, dass eine maximal gleiche Proportion momentan die Absicht hat, bei den Nationalratswahlen 1999 sein Stimme abzugeben.13

Die schwankende Stimmbeteiligung

Bezieht man sich einzig auf die Stimmbeteiligung in der Schweiz, kann kein so klares Robot-Bild der aktiven und passiven BürgerInnen skizziert werden: Vielmehr zeichnen sich immer mehr vier Typen von materielle bestimmten Verhaltensweise ab, für die jeweils spezifische BürgerInnen stehen:

Die beiden extremen Gruppen entsprechen weitgehend dem, was man als Pole bei der Wahlbeteiligung kennt. Bezogen auf Abstimmungen sind sie allerdings kleiner. Nie an Abstimmungen beteiligen sich höchstens 2 von 10 BürgerInnen. Konstant dabei sind dagegen maximal 3 von 10. Die übrigen 5 von 10 verteilen sich auf die beiden mittleren Typen, das heisst, die selektiv Teilnehmenden und das Protestpotential, das sich aber nur ausnahmsweise mobilisieren lässt.

Die grössten Unterschiede in der Verteilung der Typen ergeben sich entlang schichtspezifischer Variablen,14 indem die dauerhafte Abwesenheit bei AbsolventInnen nur der obligatorischen Schulen höher ist, während namentlich Personen mit einer universitären Ausbildung verstärkt an Volksabstimmungen teilnehmen. Weiter kann gelten, dass die Beteiligung in Abhängigkeit von Geschlecht und vom Alter variiert. Frauen gehen im Schnitt etwas weniger stimmen, während insbesondere Personen über 50 Jahren zu den regelmässigsten UrnengängerInnen zählen. Immerhin gilt auch hier, dass die politischen Orientierungen die wichtigsten intervenierende Variablen sind, während die Themen der Abstimmungen, bzw. ihre Thematisierung zu den spezifischen Bestimmungsgründe der Beteiligung gehören.15 So kann es im Einzelfall durchaus sein, dass sich die Beteiligungswerte für die Geschlechter oder das Alter angleichen.16

Greift man das politische Interesse als der wichtigste Bestandteil im Set der politischen Orientierungen heraus, lässt sich die Bedeutung dieser intervenierenden Variable für die Stimmbeteiligung illustrieren. Person mit einem ausgesprochenen politischen Interesse gehörten während der ganzen Legislatur zu den überdurchschnittlichen TeilnehmerInnen; umgekehrt blieb die Beteiligung stets unter dem Schnitt, wenn es sich um Personen handelt, die von sich sagen, sie seien eher nicht in an politischen Fragen interessiert. Bei der ersten Personengruppe resultieren geschätzte Beteiligungswerte von 50-80 Prozent, während bei der letzteren die Partizipationsraten zwischen 10 Prozent und maximal einem Drittel schwanken. Die Spannweite ist dabei nicht ganz konstant, sondern variiert in Kombination mit den Themen; am grössten war sie Ende 1998, als über die Finanzierung des Öffentlichen Verkehrs entschieden wurde.

Tabelle 2:
Teilnahme an den Volksabstimmungen nach politischem Interesse

in %
10.3.96 9.6.96 1.12.96 8.6.97 28.9.97 7.6.98 27.9.98 29.11.98 7.2.99 18.4.99
Beteiligung insgesamt 31 31 47 35 41 41 51 38 38 35
nach politischem Interesse
sehr 52 53 71 62 64 59 79 68 64 54
eher 38 41 57 48 49 54 58 51 48 43
eher nicht 19 14 32 13 25 19 34 13 17 15
Quelle: VOX-Datenbank

Politisch betrachtet gilt, dass bei einer tiefen Beteiligung Personen mit einer relativ starken Ausrichtung an Parteien analog zum Sockel der WählerInnen dominieren, auch wenn diese im Einzelfall gegen die Stimmempfehlung der bevorzugten Partei Stellung nehmen. Demgegenüber steigen die Zahl und der Anteil gänzlich parteiungebundener BürgerInnen im Abstimmungselektorat an, wenn die Gesamtbeteiligung überdurchschnittlich ist. So bekundeten am 27. September 1998, als die Teilnahme ihren Höhepunkte erreichte, 51 Prozent der Beteiligten, keiner Partei nahezustehen. Bei der Abstimmung vom 1. Dezember 1996 waren es 47 Prozent, während der Anteil bei der tiefsten Beteiligung Mitte 1996 gerade 38 Prozent betrug.

Tabelle 3:
Anteil Parteiungebundene unter den TeilnehmerInnen an den Volksabstimmungen

in %
10.3.96 9.6.96 1.12.96 8.6.97 28.9.97 7.6.98 27.9.98 29.11.98 7.2.99 18.4.99
Beteiligung insgesamt 31 31 47 35 41 41 51 38 38 35
Parteiungebundener unter den Beteiligten in % 34 38 47 41 43 42 51 42 48 42
Quelle: VOX-Datenbank

Im Mittel beträgt die Stimmbeteiligung in der Schweiz Ende der 90er Jahre rund 40 Prozent. Klare zeitliche Trends, wie wir sie für die Wahlbeteiligung festhalten können, ergeben sich nicht. Die Themen der Abstimmungen resp. deren Thematisierung bleiben das zentrale Elemente, welches die Höhe der Beteiligung bestimmt. Entsprechend variiert die Teilnahmehöhe von Fall zu Fall, aber auch im Mittel einer Legislatur. Dies gilt im wesentlich auch für die ganze Phase seit Etablierung der Konkordanz-Regierung.17

Grafik 2: Entwicklung der mittleren Stimmbeteiligung nach Legislaturen seit Beginn der heute geltenden Regierungsformel

Vergleicht man die Charakteristiken des Elektorates bei Abstimmungen und Wahlen, dürfte diese bei einer mittleren Stimmbeteiligung am ähnlichsten mit jenem bei gesamtschweizerischen Wahlen sein. Bei Wahlen kommen noch stärker Beteiligungswerte aus Tradition oder Ritual hinzu, während dies namentlich bei alltagsfernen Abstimmungsthemen nicht mehr der Fall ist. Bei Abstimmungen muss klar zwischen mobilisierenden und nicht-mobilisierenden Themen unterschieden werden, indem bei ersteren nicht die äusseren Bestimmungsgründe wie die Parteizugehörigkeit oder die soziale Kontrolle zur Beteiligung führen, sondern das eigene Interesse an der Themenstellung. Das Elektorat bei einer mobilisierenden Abstimmung ist damit tendenziell individualistischer und situativer bestimmt, weshalb es auch schwieriger einzuschätzen ist.

Trends während der laufenden Legislaturperiode

Analysiert man die Entwicklung der Stimmbeteiligung seit den letzten Nationalratswahlen genauer, trifft der Mittelwert von rund 40 Prozent zu, ohne dass es einen einheitlichen Trend gibt:

Tendenzen der unterschiedlichen Beteiligung ergeben sich aber nicht nur nach Abstimmungssonntagen, sondern vermehrt auch am gleichen Tag. Die Meinungsäusserung zu einer Vorlage bei Mehrfachabstimmungen führt nicht mehr automatisch dazu, dass gleichzeitig alle Vorlagen beurteilt werden. Vielmehr ergeben sich auch hier vermehrt Differenzierungen, die bei der Volksabstimmungen vom 27. September 1998 deutlich wurden. Im wesentlichen unterschieden sich die Anteile, die leer einlegen, aber auch jene, die überhaupt ihre Stimme abgeben.18

Tabelle 4:
Differenzierte Beteiligungsquoten nach Vorlagen an den Volksabstimmungen vom 27. September 1998

Abstimmung

Stimmzettel

in % Stimmbe-
rechtigter
 

leer

in % Stimmbe-
rechtigter
 

ungültig

in % Stimmbe-
rechtigter
 

gültig (=materielle Stimmbeteiligung)

in % Stimmbe-
rechtigter
 
LSVA 2 402 260 51.8 24 674 0.5 7 481 0.1 2 370 105 51.2
Frauenrentenalter 2 394 024 51.6 38 203 0.8 7 716 0.1 2 348 105 50.7
VKMB II 2 391 658 51.5 54 514 1.2 7 680 0.1 2 329 446 50.2
Quelle: www.admin.ch

Insgesamt spricht wenig dafür, dass die Beteiligung in der laufenden Legislaturperiode rückläufig wäre. Die Baisse im Jahre 1996 scheint überwunden zu sein, sodass mit Blick auf die Nationalratswahlen 1999 mit einer sachpolitisch maximal gleich stark politisierten Bevölkerung wie 1995 gerechnet werden kann.19

Grafik 3: Entwicklung der Stimmbeteiligung in der laufenden Legislaturperiode nach Abstimmungsdaten

Kantonale Eigenheiten während der laufenden Legislatur

Die detaillierte Analyse der Beteiligung nach Kantonen zeigt, dass zwei weitere Effekte einen Einfluss auf die Beteiligungshöhe haben:

Tabelle 5:
Übersicht über die Stimmbeteiligung nach Kantonen während der Legislaturperiode 1995-1999
Kanton Zahl der SchweizerInnen Gewicht des Kantons in % Durchschnittliche Beteiligung während dieser Legislatur Koeffizient Durchschnittliches Gewicht bei Abstimmungen in %
SH 59 100 1.0 63.4 1.60 1.7
AR 45 800 0.8 49.1 1.23 1.0
BS 147 700 2.6 48.5 1.22 3.2
SO 200 500 3.5 46.5 1.17 4.1
LU 289 800 5.1 45.1 1.13 5.8
NW 32 100 0.6 44.7 1.13 0.6
ZG 75 400 1.3 44.3 1.11 1.5
GE 248 000 4.3 44.0 1.11 4.8
ZH 943 000 16.5 42.5 1.07 17.7
TG 179 900 3.2 42.5 1.07 3.3
BL 210 800 3.7 40.8 1.03 3.8
OW 27 700 0.5 40.1 1.01 0.5
SG 359 200 6.3 39.9 1.00 6.3
Schweiz 5 705 300 100.0 39.7 1.00 100.0
FR 196 900 3.5 38.9 0.98 3.4
AG 430 800 7.6 38.1 0.96 7.2
BE 841 300 14.7 37.9 0.95 14.2
UR 31 500 0.6 37.9 0.95 0.5
AI 12 800 0.2 37.9 0.95 0.2
JU 59 200 1.0 37.7 0.95 1.0
VS 219 600 3.8 37.4 0.94 3.6
GL 30 500 0.5 37.3 0.94 0.5
SZ 103 300 1.8 36.8 0.93 1.7
TI 217 800 3.8 35.1 0.88 3.6
NE 128 400 2.3 33.5 0.84 1.9
VD 457 800 8.0 32.7 0.82 6.6
GR 155 700 2.7 32.4 0.82 2.2
Quelle: Bundesamt für Statistik: Kantone und Städte, Neuenburg 1998 sowie eigene Berechnungen aufgrund der Angaben unter www.admin.ch
Bemerkung: Der Koeffizient berechnet sich aus der durchschnittlichen kantonalen Beteiligung dividiert durch die durchschnittliche nationale Beteiligung.

Versuche, die Stimmbeteiligung in struktureller Hinsicht zu interpretieren, haben heute immer weniger Erklärungsgehalt. Entsprechend ist die Vorstellung nicht mehr zutreffend, die Stimmbeteiligung sei in ländlichen Gebieten generell höher als in städtischen. Entsprechende Zusammenhänge wurden in den 70er und 80er Jahren regelmässig festgestellt. Tendenziell hat sich damit in den 90er Jahren das Gewicht zwischen Stadt und Land verschoben. So stellte der Kanton Baselstadt resp. Genf zwar nur 2,6 Prozent bzw. 4,3 Prozent der SchweizerInnen, im Mittel der bei eidg. Urnengänge Beteiligten sind aber 3,2 Prozent BaslerInnen und 4.8 Prozent GenferInnen. Umgekehrt wohnen 8 Prozent bzw. 2.7 Prozent der SchweizerInnen in der mehrheitlich ländlichen Waadt oder Graubünden, die durch ihre unterdurchschnittliche Beteiligung aber nur 6,6 bzw. 2.2 Prozent der Stimmenden zwischen 1996 und 1998 stellte.

Thesen zu den Trends in der Stimm- und Wahlbeteiligung

In welche Richtungen ändert sich die institutionelle Partizipationskultur der Schweiz? Ausgehend von den Befunden und Erklärungen zur Wahl- und Stimmbeteiligung in der Schweiz insgesamt resp. nach Kantonen lassen sich die folgenden Thesen formulieren:

1. Die Wahlbeteiligung ist tief und sinkend, weil die Bedeutung der Wahlen im heutigen politischen System der Schweiz gering ist. Namentlich die politische Konkordanz ist heute der Hauptgrund für relativ geringe Mobilisierungsraten. Ohne eine diesbezügliche Änderung ist damit zu rechnen, dass angesichts des Nachlassens äusserer Bestimmungsfaktoren die Wahlbeteiligung weiterhin langsam rückläufig sein, allenfalls stagnieren wird. In der deutschsprachigen Schweiz ist dieser Prozess mit Ausnahmen schon weit fortgeschritten, währenddem in der italienischsprachigen Schweiz, teilweise auch in der französischsprachigen der Prozess eher noch bevorstehen dürfte.

 
2. Die Stimmbeteiligung, die in der Schweiz stets tiefer als die Wahlbeteiligung war, wurde früher und deutlicher durch den Rückgang geprägt. Unter dem Eindruck der Konkordanz hat sich sich aber nicht verschärft. Vielmehr zeigen sich hier punktuell deutlich stärker die neuen Elemente, nämlich die Beteiligung aufgrund des politischen Interesses, der eigenen Meinungsbildung oder des Protestes gegen die etablierten Kräfte. Insgesamt ist damit zu rechnen, dass die Beteiligung weiterhin variabel bleibt, insgesamt stagniert oder allenfalls im Mittel zunimmt.

Ohne Änderungen im institutionellen Rahmen kann man annehmen, dass die mittlere Stimmbeteiligung die Höhe der Wahlbeteiligung erreicht oder auch übertreffen wird. Die Einwände, die vor allem aus elitärer Sicht gegen Volksabstimmungen vorgebracht werden und namentlich auf dem Argument der Überforderung basieren, scheinen angesichts der nur noch mittleren Beteiligung in der Schweiz nicht mehr zutreffend zu sein. Die Möglichkeit, direkt und differenziert politisch Stellung zu nehmen, spricht vielmehr den aktiven BürgerInnen-Typ an. Im urbanen Gebiet ist deshalb mit einer Revitalisierung der politische Beteiligung zu rechnen. Über diese drücken sich in erster Linie die Interessen jener BürgerInnen aus, die befähigt sind, sich selber eine Meinung zu bilden und diese auch äussern wollen. Tendenziell dürften dabei die neuen Mittelschichten bevorteilt sein.

Die hier skizzierten Überlegungen zu den aktuellen Trends lassen sich am eindrücklichsten durch die nachstehenden Beteiligungsquoten in vier ausgesuchten Kantonen illustrieren:

Tabelle 6:
Unterschiede zwischen der Stimm- und Wahlbeteiligung nach Kantonen 1995-1998

 
Wahlbeteiligung 1995mittlere Stimmbeteiligung 1996-99Differenz
Genf 35.6 % 44.0 %+8.4 %pkte.
Basel-Stadt 46.8 % 48.5 % + 1.7 %pkte.
 
Wallis 54.9 % 37.4 % -17.5 %pkte.
Tessin 52.6 % 35.1 % -17.5 %pkte.

Im Tessin und Wallis besteht die Tendenz, sich im Vergleich zu Volksabstimmungen vermehrt an Wahlen zu beteiligen. Sie lag 1995 die Wahlbeteiligung deutlich höher als die mittlere Stimmbeteiligung 1996-1998. Beide Kantone folgen damit noch stark dem Verhaltensmuster, das sich gesamtschweizerisch weitgehend abgebaut hat. Demgegenüber haben die urbansten Kantone Baselstadt und Genf am deutlichsten eine Partizipationskultur, die vor allem auf Volksabstimmungen ausgerichtet sind. Hier ist die mittlere Stimmbeteiligung seit 1995 deutlich höher als es die Teilnahme an den Nationalratswahlen 1995 war.


1 H. Kriesi: Le système politique suisse, Paris 1995.

2 U. Glaser: Direkte Demokratie als politisches Routineverfahren. Diss. Erlangen und Jena 1997.

3 W. Linder, C. Longchamp, R. Stämpfli: Politische Kultur im Wandel - am Beispiel des gelegentlichen Urnengangs, Basel 1991. Die hier erstmals entwickelten Überlegungen werden in diesem Essay aufgrund der Trends in den 90er Jahren weitergeführt.

4 Vgl. M. Freitag: "Wahlbeteiligung in westlichen Demokratien. Eine Analyse zur Erklärung von Niveauunterschieden", in: Schweiz. Zeitschrift für politische Wisssenschaft, 2 (1996), pp. 101-134.

5 W. Linder: Schweizerische Demokratie. Institutionen, Prozesse, Perspektiven, Bern 1999.

6 Vgl. die verschiedenen Wahluntersuchungen in der Schweiz, die auf Befragungen basieren, so E. Gruner: Der Schweizer Wähler, Basel 1964, D. Sidjanski et al: Les Suisse et la politique, Francfort 1975, H. Hertig: Analyse der Nationalratswahlen 1983, VOX-Sondernummer, Zürich 1980, C. Longchamp: Analyse der Nationalratswahlen 1983, VOX-Sondernummer, Zürich 1984, C. Longchamp: Analyse der Nationalratswahlen 1987, VOX-Sondernummer, Zürich 1988, C. Longchamp, S. Hardmeier: Analyse der Nationalratswahlen 1991, VOX-Sondernummer, Zürich 1992, H. Kriesi et al.: Schweizer Wahlen 1995, Bern 1997.

7 M. König: "Politik und Gesellschaft im 20. Jahrhundert: Krisen, Konflikte, Reformen", in: Eine kleine Geschichte der Schweiz. Der Bundessstaat und seine Traditionen, Frankfurt am Main 1998.

8 A. Riklin, R. Kley: Stimmabstinenz und direkte Demokratie. Ursachen - Bewertungen - Kosequenzen. Bern 1980.

9 T.-H. Ballmer-Cao, L. Sgier: "Die Wahlbeteiligung in der Schweiz - eine geschlechtsspezifische Untersuchung anhand der Nationalratswahlen 1995", in: H. Kriesi et al. (Hg.): Schweizer Wahlen 1995, Bern 1998.

10 C. Longchamp et al.: Durch neue Wege zum Wahlerfolg, GfS-Forschungsinstitut, Bern 1995.

11 Vgl. hierzu die Wahlstudien im Rahmen der VOX-Analysen, die sich auf die Nationalratswahlen seit 1979 beziehen.

12 Bundesamt für Statistik: Nationalratswahlen 1995. Übersicht und Analysen - Les élections au Conseil national de 1995. Aperçu et analyse, Bern 1997.

13 Vgl. www.polittrends.ch/wahlen/wahlbarometer

14 V. Mottier: " La structuration sociale de la participation aux votation fédérales", in: H. Kriesi (ed.): Citoyenneté et démocratie directe. Compétence, participation et décision des citoyens et citoyennes suisses. Zurich 1993.

15 M.C. Nidegger: La particiaption en fonction des caracteristiques du scrutin et de la compétence des citoyens", in: H. Kriesi (ed.): Citoyenneté et démocratie directe. Compétence, participation et décision des citoyens et citoyennes suisses. Zurich 1993.

16 G. Marques de Bastos: " La sélectivité de la participation", in: H. Kriesi (ed.): Citoyenneté et démocratie directe. Compétence, participation et décision des citoyens et citoyennes suisses. Zurich 1993.

17 W. Linder: Swiss Democracy. Possible Solutions to Conflict in Multicultural Societies, Chatham 1994.

18 Da es in einzelnen Kantonen auch vom Abstimmungsverfahren her möglich ist, seine Stimme zu jeder Vorlage einzeln abzugehen, ist es auch wahrscheinlich, dass die effektive Beteiligung mit wenigstens einer Stimmabgabe an einem Abstimmungstag effektiv höher ist, als es die einzelnen Beteiligungsraten nahelegen. Erste Schätzungen hierzu gehen von einer Stimmbeteiligung aus, die effektiv einige Prozent höher sein dürfte als gemeinhin angenommen (vgl. hierzu auch: C. Longchamp: Technischer Bericht zur VOX-Analyse vom 29. November 1998, VOX Nr. 64, GfS-Forschungsinstitut, Bern 1998).

19 vgl. http://www.gfs.ch/sorgen.html